Kindergeschichte 3

#1
Carlos, das ist ein Buckelwaljunge, erst drei Jahre alt und schon neun Meter lang. Wie alle Buckelwale hat Carlos keinen festen Wohnsitz. Im Sommer paddelt er mit seinen Eltern durchs Eismeer nahe beim Nordpol. Dann, wenn es kälter wird, schwimmen sie gemeinsam dem Äquator entgegen. Kommen endlich nach vielen Wochen die großen Antillen und auch die kleinen wieder in Sicht, singt Carlos laut los, um diese Inseln zu begrüßen. Sie liegen in endloser Kette da und rühren sich nicht. Carlos hüpft aus dem Wasser und ruft: „Könnt ihr nicht auch mal schwimmen, ihr lahmen Flaschen!“ Aber natürlich freut er sich, wieder bei ihnen zu sein. Manche haben auf ihren Rücken so schöne Palmenwedel, schöner als die blassen Seepocken, die Carlos' Rücken dicht besiedeln. Und wenn er in einer der Inselflanken eine helle Öffnung sieht, weiß er, dort mündet ein Fluss, eine Gelegenheit für ihn, sich das Land genauer anzuschauen. Und wenn die Eltern gerade nicht aufpassen, taucht er unter und ist verschwunden. „Wartet mal eben“, denkt er.

Und dabei lernt er eines Tages Alberto kennen. Das Maultierkind steht am Fluss, wo es immer steht, wenn es Langeweile hat. Es schaut ins Wasser, zählt kleine Fische und betrachtet sein Spiegelbild. Lange Ohren, struppiges Fell, vier braune Beine. „Immer dasselbe“, denkt Alberto. Und als er eben vom Ufer weggehen will, taucht Carlos auf. Der Kies unter seinem Bauch hat schon geknirscht und er hebt die Schnauze aus dem Wasser. Die Luft ist ihm knapp geworden, jetzt, als er die Sonne sieht, die Palmen und weiter entfernt ein kleines Dorf, bläst er begeistert sein Atemloch aus. Alberto trifft die weiße, kalte Nebelfontäne, er rennt mit klopfendem Herzen davon. „Was soll das!“, schnaubt er. Noch nie hat sein Spiegelbild ihm auf diese Weise Lebewohl gesagt. Er steht eingeschüchtert am Hang hinter der Böschung.
„Entschuldigung, bitte!“ ruft Carlos. Und um es wieder gut zu machen, liegt er eine Weile wie leblos im flachen Wasser. Tatsächlich beruhigt sich der Kleine und wird neugierig, ob die große Fontäne wohl schläft und er sie bei seinem Spiegelbild findet. Da entdeckt er im Fluss den riesigen Wal und er liegt furchtbar still da, wie ertrunken. Albertos Herz klopft wieder, dann läuft er zu ihm und presst ihm seine Nase aufs Maul und bläst, so schnell er kann, seinen Atem in den vielleicht noch zu rettenden Großen und Carlos öffnet die Augen.

„Dort, liebe Eltern, habe ich einen Freund gefunden!“ erzählt Carlos später, als sie wieder unterwegs sind. Er zeigt mit seiner Flosse zu einem hohen Berg hinüber. „Mein Freund ist noch klein, aber ganz besonders.“ Mehr sagt Carlos nicht, nur denkt er: „Vier solche Beine wie du... dann könnte ich mit zu deinem Dorf kommen. Wir könnten auf den Berg steigen und weit hinaus auf das Meer blicken. Du würdest Lust haben, mit mir durch die Wellen zu flitzen bis zu den Eisbergen am Nordpol.“ Carlos gleitet träumend durchs Meer, eine kleine Nebelfontäne zieht er in Gedanken neben sich her und er sagt liebevoll zu ihr: „Alberto.“

Doch Alberto ist mit dem Berg zurückgeblieben. Und nun kommt sein Besitzer, ein Bauer, zu ihm und wirft ihm ein Lasso um den Hals und zerrt ihn zu seinem Haus. Er hängt ihm Körbe über den Rücken und belädt sie mit Bananen bis Albertos Beine einknicken. Dann drängt er ihn vorwärts, einen steilen Weg durchs Gelände, bis hinter Hügeln ein größeres Dorf auftaucht, wo Markt ist. Die Körbe werden entladen und Alberto wartet müde an einen Baum gebunden. Wartet, während die Menschen schreien und über Preise verhandeln und fragt sich, ob Carlos jetzt vielleicht im Fluss auf ihn wartet. „Ich komme bald wieder“, hat er ja gesagt.
Abends am Fluss, die Fische, die er fragt, haben nichts gesehen, aber Alberto weiß nicht, ob sie seine Frage richtig verstehen, sie wirken so gleichgültig. Dennoch, er sagt zu ihnen, dass er morgen wieder fort muss, erst am Abend ist er zurück. „Bitte erzählt ihm Geschichten, damit ihm nicht langweilig wird und er hierbleibt.“ Alberto fühlt, dass er gegen einen Widerstand atmet und sieht, wie plötzlich Tropfen auf sein dunkles Spiegelbild fallen, Tropfen, die lauter Ringe machen und sein Bild mit sich nehmen. Wässrige Ringe, die wachsen, endlich riesig werden, vielleicht bis ins Meer.

(aus dem Fundus)

Re: Kindergeschichte 3

#3
Lieber gummibaum,

die Geschichte ist toll geschrieben und auch sehr kindgerecht, obwohl vielleicht die ein oder andere Formulierung von Kindern nicht ganz so mühelos verstanden werden kann (aber ist sicherlich auch eine Altersfrage und ein bisschen Herausforderung darf eine Kindergeschichte ja durchaus enthalten). Eine ideelle Freundschaft, die versucht, den Unterschieden zu trotzen.

LG
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Kindergeschichte 3

#5
Faszinierende Geschichte
Vielleicht fehlt mir die kindliche Einsicht. Verstehe ich das richtig, dass das Eselchen erstickt und Bluttropfen ins Meer fallen.
mit Freude gelesen
gruß mc
Die wichtigsten Dinge passieren nicht immer dann und dort, wo und wenn wir sie erwarten
mc

Re: Kindergeschichte 3

#7
Eine Geschichte in der zwei grundverschiedene Wesen aus zwei unterschiedlichen Lebensräumen Freundschaft schließen.
So schön, dass du allen Kindern dieser Welt das Ende verständlicher schildern solltest.
Stimmt, Traurigkeit nimmt einem die Luft zum Atmen und schnürt einem die Kehle ab. Ich dachte an Schlimmeres, da dem Esel so enges Geschirr angelegt wurde und er so hart schuften mußte.
Vielleicht soll es auch jeder auf seine Art verstehen
artig grüßt mc
Die wichtigsten Dinge passieren nicht immer dann und dort, wo und wenn wir sie erwarten
mc
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