Strelitzia

#1
Strelitzia

Als Gaia implodiert
eines fernen Tages
vor den Toren

da flog sie - die junge Taube -
neben mir
ihr sanfter Vogelkopf zu einer
grässlichen Fratze verzerrt
voller Schmerz und Todesahnung
bevor es sie zerriß


^^Siehst Du es^^
konnte sie gerade noch flüstern
bevor es ihr den einen Flügel abtrennte
^^siehst Du es
wie sie mich beschwören
die Heuchler
und hervorzerren
auf Flaggen
zu offiziellen Angelegenheiten
mich laut johlend und mit verlogenen Gesichtern
durch die Strassen
tragen
während sie gleichzeitig
Nagelbretter vor ihren Fenstern befestigen
damit ich dort nicht landen kann.

Siehst Du es ?^^

Nach diesen Worten
riß es ihr die Füsse ab
und sie implodierte
mit allem was jemals auf Erden existiert hatte

Wurde eingesaugt so wie
Tier Mensch Pflanze Gebirge Fluss
Atem und Gedanke
in ein Nichts

Dreihundert Jahre vorher
erhebt sich
der Aborigine Mann Down Under
und lässt die Welt auferstehen

aus einem Tautropfen

Er lag auf einer Strelitzie
entlang seines Weges
Eines Weges der von Liedern und Atemzügen
markiert ist

Aus dem Tautropfen
fällt ihm ein
Vogelschnabel entgegen
- jung wie der Tag

Er legt ihn zu den Muscheln, Steinen und Federn
in seinen Medizinbeutel

Strelitzia.jpg
[/color][/b]




Fotograf: Singa
Titel: Blütenflamme

Danke für das Foto von der
Bilderdatenbank piqs.de www.piqs.de
Verwendung des Fotos unter folgenden Bedingungen: http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Zuletzt geändert von Lentas am 27 Mai 2019, 22:54, insgesamt 1-mal geändert.
Aus Wolkenschleiern sinken Flocken nieder und dennoch schlägt in meinem Garten leise die Nachtigall (Otomo No Yakanochi)

Die Sterne lauter ganze Noten. Der Himmel die Partitur. Der Mensch das Instrument.
(Christian Morgenstern)

Stichwortübersicht:

Re: Strelitzia

#2
Liebe Lentas,

der Tautropfen auf der Strelitzie, der die Welt in rückwärts laufender Zeit wiederbringt, bewahrt noch den Taubenschnabel. Das könnte von australischen Ureinwohnern (Traumzeit) stammen, die in die Zukunft sahen (wo der Vogel zugleich zum Wappentier und zum Verschmähten geworden ist und ihn der Widerspruch zereißt). Toller Einfall, die Implosion gegen die moralische Ausartung zu setzen, so dass die Erde dann in einem Tropfen Platz hat.

Fantasievoll erzählst (Vers 7: verzerrt).

Neben der echten Paradiesblume (Strelitzie) ist übrigens auch die falsche (Helikonie) schön.


Sehr gern gelesen. LG g

Re: Strelitzia

#3
Vielen lieben Dank für Dein Reflektieren und das Lob.

Das Ganze fiel mir mal irgendwann ein, als ich die Lippenbekenntnisse zum Frieden nicht mehr hören konnte.

Und auch, wie relativ die Welt ist, wie relativ die Zeit und wie unglaublich unwichtig unsere Welt und das, was uns so stark bewegt, eigentlich ist, wenn es aus anderer Warte gesehen wird.

Was ist denn Vers 7 und was meinst Du mit "verzerrt"?

Strelitzien liebe ich - sie sind so stolz und so intensiv in der Farbgebung. Ich hatte mal einen Ableger aus Spanien bei mir, die wollte aber nicht gedeihen. Vllt. hole ich mir nochmal eine.
Die Helikonie habe ich gegoogelt, die ist ja wundervoll . Danke für den Tip.

lG Lentas
Aus Wolkenschleiern sinken Flocken nieder und dennoch schlägt in meinem Garten leise die Nachtigall (Otomo No Yakanochi)

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(Christian Morgenstern)

Re: Strelitzia

#5
Ah ja, natürlich.
Danke .
lG
Aus Wolkenschleiern sinken Flocken nieder und dennoch schlägt in meinem Garten leise die Nachtigall (Otomo No Yakanochi)

Die Sterne lauter ganze Noten. Der Himmel die Partitur. Der Mensch das Instrument.
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