Die Wahrheit ist anmaßend

#1
Du fragst, ob wir uns wieder lieben
und das verstehe ich zu gut,
obgleich die Frage nimmer ruht,
was wär, wenn du bei mir geblieben.

Ich könnte dir nicht mehr genügen
als damals, als du mich verließt
und daher muss ich dich belügen,
als du mir in die Augen siehst.

Drum hebe ich die Stirnesfalten
und leide unter eignem Hohn,
belächle spöttisch, ohne Ton,
könnt sonst die Tränen nicht mehr halten.
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Stichwortübersicht:

Re: Die Wahrheit ist anmaßend

#2
Das Gedicht gefällt mir gut. Aber ein paar Anmerkungen zur Grammatik habe ich. Nichts, dass sich nicht leicht korrigieren ließe.

Ich glaube, dass die beiden letzten Zeilen der zweiten Strophe nicht im Präsens stehen können, wenn du bei ›als‹ bleibst:

Ich musste dich belügen, als du mir in die Augen sahst.

Ich muss dich (nun) belügen, während du mir in die Augen siehst.

Nach ›verließ‹ sollte meiner Meinung nach ein Komma stehen. ›als du mich verließt‹ hat den Charakter einer Apposition (?). Es geht um eine nähere Bestimmung des ›damals‹. Ich vermute, dass das Komma in diesem Fall sogar verbindlich ist, also trotz der gelockerten Komma-Regeln. Nach ›lieben‹ sollte nach meinem Sprachempfinden auch ein Komma stehen. D. h. der indirekte Fragesatz endet mit ›lieben‹.

›belächeln‹ erfordert ein Objekt, oder nicht? Also nur ›lächle‹.

Re: Die Wahrheit ist anmaßend

#3
Liebes Schmuddelkind,

schöne Reflektion mit überraschend emotionalem Ende, welches mir besonders gefällt.

"als" würde ich (da hier Zukunft gemeint ist) durch "falls" ersetzen. "hebe" wirkt etwas seltsam auf mich (soll wohl Arroganz ausdrücken). "Ich lege meine Stirn in Falten", also die gängige Ausdrucksweise, gefiele mir besser. Ob "ohne Ton" richtig (als "wortlos") verstanden wird, weiß ich nicht.

Sehr gern gelesen
LG gummibaum

Re: Die Wahrheit ist anmaßend

#4
Hallo Schmuddelkind,

dein Gedicht gefällt mir auch sehr gut.

Die Lage, in der sich das LI befindet, stimmt mich traurig und nachdenklich.

V.a. ruft es mir die eigenen Was-Wäre-Wenn-Situationen in Gedächtnis.

Liebe Grüße,
Pius
"Mut steht am Anfang des Handelns und Glück am Ende." - Demokrit

Re: Die Wahrheit ist anmaßend

#5
Vielen lieben Dank fürs Lesen und eure Gedanken zu meinem kleinen Gedicht, ihr Lieben. :)
Tut mir leid, dass ich mich erst jetzt melde. Habe es vorher leider nicht geschafft. :oops:

Ich glaube, dass die beiden letzten Zeilen der zweiten Strophe nicht im Präsens stehen können, wenn du bei ›als‹ bleibst:

Das ist das Problem an der deutschen Sprache, dass sie, anders als wohl die meisten Sprachen, in diesem Fall zwei unterschiedliche Konjunktionen je nach Tempus kennt. Betrachtet meine Wortwahl daher als empörten Protest dagegen! ;)
Nein, im Ernst: Man darf "als" in Erzählungen (und vermutlich auch in erzählenden Gedichten) im Präsens benutzen, wenn die Handlung im sogenannten "historischen Präsens" beschrieben wird. Die Handlung gilt als vergangen, obwohl sie im Präsens erzählt wird (z.B. um zu verbergen, wieviel der Erzähler tatsächlich weiß).

›belächeln‹ erfordert ein Objekt, oder nicht? Also nur ›lächle‹.

Das stimmt leider. "Belächeln" ist transitiv und das hat mir von Anfang an Bauchschmerzen bereitet. "Lächeln" hatte ich auch zuerst im Sinn, aber es hat nicht in die Metrik gepasst. Ein vorangestelltes "Und" hätte es vielleicht gerettet, aber, obwohl ich sonst ein großer Fan von übermäßigem Und-Gebrauch bin, hat es sich hier für mich nicht gut angefühlt. :(

Nach ›verließ‹ sollte meiner Meinung nach ein Komma stehen.

Richtig. Danke! :)

schöne Reflektion mit überraschend emotionalem Ende, welches mir besonders gefällt.

Danke Gummibaum! :)
Den Widerspruch zwischen äußerer "Coolness" und innerem Leid fand ich an der Situation sehr reizvoll.

Die Lage, in der sich das LI befindet, stimmt mich traurig und nachdenklich.

V.a. ruft es mir die eigenen Was-Wäre-Wenn-Situationen in Gedächtnis.

Ich schätze, manchmal tut es (beiden) weh, das richtige zu tun.

LG an euch alle
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Die Wahrheit ist anmaßend

#6
Schmuddelkind hat geschrieben:
30 Mai 2019, 21:01
›belächeln‹ erfordert ein Objekt, oder nicht? Also nur ›lächle‹.

Das stimmt leider. "Belächeln" ist transitiv und das hat mir von Anfang an Bauchschmerzen bereitet. "Lächeln" hatte ich auch zuerst im Sinn, aber es hat nicht in die Metrik gepasst. Ein vorangestelltes "Und" hätte es vielleicht gerettet, aber, obwohl ich sonst ein großer Fan von übermäßigem Und-Gebrauch bin, hat es sich hier für mich nicht gut angefühlt. :(

Geht es um mehr als die Anzahl der Silben? (Die Vorsilbe ›be‹ wird lang ausgesprochen. Edit: Ne. Vergiss es.) Falls nicht: Lächele hat so viele Silben wie belächle.

Ich tue mich manchmal schwer damit, die betonten Silben zu identifizieren.

belächle
chele

Bin grad bezüglich der Betonung echt unsicher.

Allerdings muss ich mich tatsächlich zwingen, das e dann auch auszusprechen. Wirklich gut fände ich die Lösung nicht. Dass ›lächle‹ die Metrik durchbräche, stimmt jedenfalls. Hatte ich nicht bedacht.
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