Maske

#1
Als ich noch ein Fötus war,
sprach ich in die Lebensleere.
Magenredend sonderbar
machte Mutter Karriere.

Später brachte ich es gar
an des Teufels Hof - welch Ehre -
zu des Meisters höchstem Narr,
diente schelmisch seiner Lehre.

Niemand hörte weit und breit
hinter meinem lauten Lachen
Hilferufe eines Narren.

Doch ich ließ mein Herzeleid
in den schwarzen Witzen walten.
Fühlt ihr euch nicht unterhalten?
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Maske

#2
Hallo Schmuddelkind,

ein eigentümliches Gedicht, besonders das erste Quartett brachte mich beim Lesen ins schwanken. Über die Wortschöpfung "magenredend" habe ich eine ganze Zeit nachgedacht. "Hast du die erste Strophe vielleicht von einer KI schreiben lassen?", dachte ich erst.

Dann tat sich doch noch die Perspektive des Fötus auf, für den die Stimme einer Karrieremutter "magenredend" klingen kann. Eine Stimme die bereits schon vorgeburtlich an dem LI vorbei redet.

Die Maske die dann das LI in seinem Leben bestimmt, verdeckt den Schmerz der durch die mangelnde Zuwendung entstanden ist.
Die Frage am Schluss wirkt intensiv. Da schwingt Zynismus, aber auch sehr viel Verzweiflung mit.

Starkes Gedicht!

Re: Maske

#3
Vielen Dank, dass du dich so intensiv mit dem Gedicht beschäftigt hast, liebe Serpentina. :)
Und Verzeihung, dass ich erst jetzt dazu komme, zu antworten. War viel unterwegs in letzter Zeit und habe mich zuhause immer auf dem Sprung gefühlt, sodass ich mich gar nicht richtig mental mit deinem reflektierten Kommentar beschäftigen konnte.

Im Kern habe ich das Gedicht so verstanden wie du: man erfährt Zurückweisung oder Unverständnis und versteckt sich hinter einer Maske. Die Sache mit dem seltsamen Wörtchen "magenredend" hatte ich anders gemeint, aber ich habe es auch nicht so gut umgesetzt, wie ich es wollte. Es sollte eigentlich darum gehen, dass der Fötus reden kann und seine Mutter als Bauchrednerin Karriere macht. Aber "bauchredend" oder so habe ich leider nicht in die Metrik bekommen. Von daher ist die Wortschöpfung "magenredend" aus der Not geboren und so ganz zufrieden bin ich damit auch nicht.

Aber über dein Lob freue ich mich sowieso. :)

LG
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Maske

#4
Schmuddelkind hat geschrieben:
16 Jul 2019, 11:29
Und Verzeihung, dass ich erst jetzt dazu komme, zu antworten. War viel unterwegs in letzter Zeit und habe mich zuhause immer auf dem Sprung gefühlt, sodass ich mich gar nicht richtig mental mit deinem reflektierten Kommentar beschäftigen konnte.


Kein Problem. Das kenne ich gut. Eine nicht zeitnahe Antwort muss drinne sein (oder auch mal keine).
Ein Austausch soll ja nicht in Distress ausarten. :wtf:

Es sollte eigentlich darum gehen, dass der Fötus reden kann und seine Mutter als Bauchrednerin Karriere macht.


Die Möglichkeit hatte ich auch kurz auf dem Schirm, sie hat sich aber nicht lange im Fokus gehalten, weil es mir zu abwegig erschien.
Ein Kind, das im Mutterbauch schon redet und die Mutter zur Bauchrednerin macht bräuchte in meinen Augen mehr hinführende Worte. Die Idee finde ich stark und das Thema könnte eine Ballade, Kurzgeschichte oder einen Roman ergeben.

Lg,
Serpentina

Re: Maske

#5
Kein Problem. Das kenne ich gut. Eine nicht zeitnahe Antwort muss drinne sein (oder auch mal keine).
Ein Austausch soll ja nicht in Distress ausarten.

Dann bin ich ja beruhigt. :)
Ich erwarte ja auch nicht, dass Leute mir sofort antworten, aber jeder hat ja berechtigterweise ein anderes Zeitempfinden.

Die Möglichkeit hatte ich auch kurz auf dem Schirm, sie hat sich aber nicht lange im Fokus gehalten, weil es mir zu abwegig erschien.

:lol:
Ich glaube, ich schreibe ganz gerne abwegige Sachen.
Aber ist schon richtig, dass es wohl, wenn man das so unvermittelt präsentiert bekommt, nicht als die plausibelste Lesart erscheint. Deswegen hatte ich auch schon an eine Kurzgeschichte oder gar eine Schelmenroman gedacht, als mir die Idee so plötzlich bei einer Blödelei unter Freunden kam. Aber dazu hatte ich dann doch nicht die Geduld bzw. habe ja schon zu viele Buchprojekte gleichzeitig. Daher ist nur eine kleine Ballade daraus geworden.
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Maske

#6
Liebes Schmudelkind,

wer im Magensaft heranwächst, muss früh lernen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Du hast Clowns und Narren gut hinter die Maske geschaut.

Sehr gern gelesen.
Gruß gummibaum

Re: Maske

#7
Schmuddelkind hat geschrieben:
16 Jul 2019, 12:56
Ich glaube, ich schreibe ganz gerne abwegige Sachen.
Aber ist schon richtig, dass es wohl, wenn man das so unvermittelt präsentiert bekommt, nicht als die plausibelste Lesart erscheint.


Irgendwie bekomme ich wohl die zwei gewichtigen Themen (Maske im Titel und die frühe Absonderlichkeit) nicht ins Lot.

Ich überlege vor mich hin, ob ein anderer Titel ("Der Bauchredner" z. B) den Zugang erleichern würde....

Daher ist nur eine kleine Ballade daraus geworden.

Sie ist dir in ihrer sonderbaren Stimmung unbedingt gelungen und der Blick hinter die Maske ebenfalls.

Re: Maske

#8
Hallo Schmuddelkind,

ohne deine Erläuterungen hätte ich die erste Strophe auch nicht verstanden. Das LI war schon im Mutterbauch ein Witzbold (Bauchredner bringen das Publikum schließlich immer zum Lachen), war aber da schon unglücklich (Lebensleere). Das setzte sich auch im Erwachsenenalter fort (Lache Bajazzo) und endet aus Trotz in dem ironischen Ausspruch "Fühlt ihr euch nicht unterhalten?".
"Magenredend" klingt komisch, wenn du hier auf den Reim verzichtest, könnte es auch so aussehen:

Als ich noch ein Fötus war,
sprach ich in die Lebensleere
aus dem Bauch mit heller Stimme,
Mutter machte so Karriere.

LG Nöck

Re: Maske

#9
Danke, ihr drei, für die weiteren gedanklichen Beiträge zum Gedicht. :)

Du hast Clowns und Narren gut hinter die Maske geschaut.

Freut mich, dass du es in meinem Sinne verstehen und wertschätzen konntest, gummibaum! :)

Nöck, auch du hast die Textfetzen gut und sinnhaft zusammengefügt. Danke! :)

"Magenredend" klingt komisch, wenn du hier auf den Reim verzichtest, könnte es auch so aussehen:

In der Tat klingt "magenredend" komisch. Aber die Reime will ich schon gerne beibehalten. Trotzdem vielen Dank für deine Mühe. Der Alternativvorschlag kann sich auch wirklich sehen lassen.

Irgendwie bekomme ich wohl die zwei gewichtigen Themen (Maske im Titel und die frühe Absonderlichkeit) nicht ins Lot.

Vor der Geburt war die Mutter gewissermaßen seine Maske, durch die hindurch er unerkannt sprechen konnte.

Sie ist dir in ihrer sonderbaren Stimmung unbedingt gelungen und der Blick hinter die Maske ebenfalls.

Sonderbare Stimmung - das klingt gut. :D
Ja, das war es wohl, was ich kreieren wollte.

LG
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Maske

#10
Lieber Schmuddi,
wäre Baucherzählend eine Möglichkeit?
Da könnte man zum Gegenpart des erzählenden Fötuses vermuten, er habe sich nie von seiner Mutter gelöst. Einer Mutter die schon sehr früh für ihn als Kind gesprochen hat. Woraufhin er als Erwachsener lernte sein schwaches ich nur hinter Masken zu zeigen.
Herzliche Grüße Täubchen
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