Abschied (Pantun)

#1
Abschied

Es dämmert dieser Morgen nicht,
die Leere füllt die Zwischenräume,
ein dunkler Schatten trübt die Sicht,
in Grau gehüllt erscheinen Träume.

Die Leere füllt die Zwischenräume,
es hallen bleiern die Gedanken,
in Grau gehüllt erscheinen Träume,
sie weisen Strebendes in Schranken.

Es hallen bleiern die Gedanken,
ermüdend schlägt der Puls der Zeit,
sie weisen Strebendes in Schranken
und fallen in die Ewigkeit.

Ermüdend schlägt der Puls der Zeit,
ein dunkler Schatten trübt die Sicht,
zeigt endlich in die Ewigkeit,
es dämmert dieser Morgen nicht.
Zuletzt geändert von Serpentina am 21 Mai 2019, 16:57, insgesamt 4-mal geändert.

Re: Abschied (Pantun)

#4
Liebe Serpentina,

die erste Fassung kenne ich nicht - die überarbeitete Fassung ist m.E. perfekt.

Sehr gerne gelesen. :thumbup:

Liebe Grüße
Dabschi
Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
(Dietrich Bonhoeffer)

Re: Abschied (Pantun)

#5
Hallo Serpentina

ja, eine Stimmung, wie in einer Nacht, die nicht enden will.

Deinem Pantun gelingt es, düstere Bilder vor meinem inneren Auge auferstehen zu lassen.
Es scheint sehr schicksalsschwanger und Saturn, der gestrenge Lehrmeister und Wächter "schwebt" im Raume.

lG Lentas
Aus Wolkenschleiern sinken Flocken nieder und dennoch schlägt in meinem Garten leise die Nachtigall (Otomo No Yakanochi)

Die Sterne lauter ganze Noten. Der Himmel die Partitur. Der Mensch das Instrument.
(Christian Morgenstern)

Re: Abschied (Pantun)

#6
Hallo ihr Lieben,

ich möchte euch für euren Besuch danken.

Es ist seltsam, wieviel Vorgänge an einem Gedicht beteiligt sein können und gleichzeitig wieviel mehr als gedacht angerührt werden kann.

Als ich das Gedicht schrieb, dachte ich erst, dass ich ein Pantun zum Thema "Dämmerung" schreiben möchte, bei dem die wiederholten Sätze ihre Bedeutungsfärbung deutlich ändern und nicht einfach wiederholt werden, was mir nicht so gelang, wie ich es eigentlich wollte.
Und dann landete ich u. a. Gedanken, die mich beschäftigen, auch bei meinem Vater, der nun über 90 und sehr krank ist und dem bald kein nächster Morgen dämmern wird.
Wie du richtig schreibst, liebe Lentas, schwingen hier schwierige saturnische Themen von Krankheit, Einsamkeit, Depression, Alter, Tod und Trauer mit.


Liebe Grüsse an euch,
Serpentina

Re: Abschied (Pantun)

#7
Hallo Serpentina,

ich kannte auch die ursprüngliche Fassung nicht. Jedenfalls ist die Neufassung metrisch perfekt und auch sonst ist es ein sehr ansprechendes Gedicht.

Besonders überzeugt mich, was ja an einem Pantun relativ schwer ist, wie der Anfangsvers am Ende aufgegriffen wird. Da er direkt nach dem Verweis auf die Ewigkeit fällt, wird die Assoziation zum Tod aufgeworfen, was mich zwangsläufig an den ersten Vers denken lässt und das Gedicht erscheint dann wie aus sich selbst heraus geschält.

Deine bildreiche Wortwahl finde ich klasse. Etwa, dass der Schatten in die Ewigkeit zeigt. Da werden ganz viele vage Assoziationen aufgeworfen, die erst im Bezug aufeinander sinnhaft werden und darin besteht auch der Reiz deines Gedichts: dass man viele der Wendungen nur in diesem Gedicht gebrauchen kann.

Auch wird der nebulöse, schattenhafte Charakter durch Substantivierungen ("Strebendes") verstärkt. Das steht dem Thema gut zu Gesicht, meine ich.

Mir ist aufgefallen, dass du "und fallen in die Ewigkeit" bei der Wiederholung verändert hast. Dadurch ist es natürlich keine richtige Wiederholung mehr. Schlimm finde ich das nicht und nur so passt es ja in die letzte Strophe, was diese Entscheidung ja mehr als rechtfertigt. Aber warum hast du denn "so bitter schlägt der Puls der Zeit" ebenfalls leicht verändert? Ich denke, in der letzten Strophe kann das ruhig auch so stehen bleiben. Ich fände es sogar schöner.

so bitter schlägt der Puls der Zeit

Ich finde es, wie gesagt toll, wie du mit Bildbezügen spielst, die gerade so an der Grenze sind, dass man sich fragt: "Kann man das so sagen?" Und du schreibst mit einer Selbstverständlichkeit und Unbekümmertheit, als würdest du sagen: "Warum nicht?" Das imponiert mir. Aber bei dem Adjektiv "bitter" meine ich, dass du ein bisschen über diese Grenze hinausgerutscht bist. "Bitter" und "schlagen" passt für mich nicht richtig zusammen. Vielleicht lieber "träge" oder so?

Aber wie gesagt: Ein schönes Gedicht mit einem Ende, das auch emotional in mir nachhallt.

LG
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Abschied (Pantun)

#8
Liebes Schmuddelkind,

vielen Dank, für deine Gedanken, denn sie greifen einen Teil meiner Unsicherheit auf. Ich habe mich nämlich selbst gefragt, ob ich das so schreiben kann oder ob ich mit den Bildern etwas übertreibe und deine Rückmeldung hilt da nun etwas weiter.
Das "bitter" ist für mich nicht in Stein gemeisselt und ich werde auch gerne noch einmal dran gehen.

Liebe Grüsse,
Serpentina
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