Ahnen

#1
In mir schwirren wirre Sätze,
dabei rede ich nicht viel.
Leeres Blubbern, Dummgeschwätze,
Lirum, Larum, Löfflstiel.

Mutter sagt:“Beim Essen schweige,
oder du spürst meine Hand!“
Hörig ich das Köpfchen neige
und mein Blick fällt auf die Wand.

Wann hab ich zuletzt gemeckert,
dir mein' Unmut kundgetan?
Ständig hast du dich bekleckert.
Sieh dich doch Mal selber an!

Was soll ich nur mit dir machen,
reiche ich dir meine Hand?
Soll ich weinen, soll ich lachen?
Schließlich sind wir doch verwandt.

Nun, ich werde dir vergeben,
weil wir eine Sippe sind.
Ich will endlich wieder leben,
wie ein unbeschwertes Kind.
Schreiben macht schön.

Re: Ahnen

#2
Hallo Letreo,

du hast die Szene sehr eingängig aus der Perspektive eines Kindes beschrieben, das unter häuslicher Gewalt leidet. Dabei hast du auch subtile Andeutungen über die Folgen gemacht. Berührt hat mich dabei v.a. folgender Satz:

Hörig ich das Köpfchen neige
und mein Blick fällt auf die Wand

Die Wehrlosigkeit wird durch die Verniedlichungsform "Köpfchen" deutlich. Der Kopf ist ja eigentlich der Ausgangspunkt selbstständigen Denkens; hier wird er aber zum bloßen Körperteil, das man für eine devote Geste benötigt. Damit triffst du das Problem sehr genau, wie ich finde. Was bleibt einem kleinen, wehrlosen Kind als sich anzupassen? Wenn eigene Gedanken unerwünscht sind, gar mit Schlägen quittiert werden, bleibt man lieber stumm, in sich gekehrt. Dies wird dann auch sehr feinfühlig durch den Blick zur Wand ausgedrückt. Eine Wand ist rein funktional - nicht interessant, ohne Bewegung, ohne tieferen Sinn. Der Blick gilt also gewiss nicht der Wand (da wird nur im physischen Sinne hingeschaut); in Wahrheit geht der Blick nach innen, da das LI keine Möglichkeit hat, seine Gedanken nach außen zu leiten.

Klasse auch, dass du dem Leser selbst das Urteil überlässt, ob das versöhnliche Ende wirklich ein Happy End ist. Einerseits ist es wichtig, irgendwann einen Abschluss mit der Vergangenheit zu finden und eine Vergebung kann dies besiegeln, wenn man dazu bereit ist. Andererseits deutet das LI ja auch an, dass es in erster Linie damit zu tun hat, dass es um Familie geht - Vergebung also gewissermaßen nur des Friedens willen. Darüber hinaus ist der Gedanke sicherlich auch nicht abwegig, dass diese Vergebung aus dem lange etablierten Anpassungsverhalten resultiert, das ja wiederum nur eine Folge der Gewalt ist. Verkürzt gesagt könnte man zusammenfassen, dass hier genügend Gewalt stattfand, um als "legitim" durchzugehen und diese Lesart macht mich sehr betroffen. :(

Jedenfalls ist dir hier eine sehr vielschichtige, sensible Betrachtung gelungen - der Schrei einer geschundenen Seele, ohne dass daher das Gedicht selbst laut wird. Klasse geschrieben!

LG
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Ahnen

#3
Hallo Letreo,
Nun, ich werde dir vergeben,
weil wir eine Sippe sind.
Ich will endlich wieder leben,
wie ein unbeschwertes Kind.
Ich finde, das ist einer der vielen ersten Momente in unserem Kindheitserleben, in dem wir gute Miene zu bösem Spiel machen. Es wird uns regelrecht antrainiert, ebenso wie gefordert wird darauf unauthentisch zu reagieren. Muster, die wir dann oft unser ganzes Leben lang unhinterfragt aufrecht erhalten. Gerade deswegen finde ich es sehr interessant zu lesen und mich in das LI hinein zu denken.

Ich finde auch das religiöse Konstrukt und die Aufforderung oder Pflicht zu vergeben bedenklich, denn Vergebung ist etwas, dass aus meiner Sicht nur aus innerer Überzeugung geschehen kann, also wenn denken, sprechen und handeln eins werden. Das ist aber ein ziemlich schwieriges Unterfangen.

Irregute Nachtgrüße
WuI
„Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt.“ -Khalil Gibran

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Re: Ahnen

#4
Liebe Letreo,

die erste Strophe zeigt eine Denklähmung aus Angst. Die zweite macht klar, woher sie rührt (wie extrem jede Äußerung von Gedanken einmal von Gewalt bedroht war). Der Blick auf die leere Wand gleicht einem Versteck: provozierenden Blickkontakt vermeiden und unerwünschte Gedanken zerstreuen (bzw. sie wegschließen, wie Schmuddelkind schreibt.)

Die Problematik einer Aussöhnung wurde schon gut gezeigt.

Mit Betroffenheit gelesen.
LG gummibaum

Re: Ahnen

#5
Liebes Schmuddelkind,

ich danke dir sehr, für die ausführliche Auseinandersetzung mit meinem Ahnengedicht.
Ich denke, dass du mit deiner Analyse genau ins Schwarze triffst.

Vielen Dank auch für die Anerkennung!

Liebe Grüße

Letreo
Schreiben macht schön.

Re: Ahnen

#6
Liebe WuI,

vielen Dank auch an dich für deine Gedanken zu meinem Gedicht. Ja, das Verhalten ist antrainiert und es ist nicht leicht auszubrechen. Interessant finde ich, dass du einen religiösen Hintergrund herausliest. Das war von mir so nicht beabsichtigt, zumal ich "vergeben" als "verzeihen" verstehe. Das rückt das Ganze aber auch in ein ganz anderes Licht, aber wie gesagt, nicht beabsichtigt.

Liebe Grüße

Letreo
Schreiben macht schön.
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