Das Erbe deiner Eltern

#1
Hallo ihr Lieben,

ich habe in meinem Gepäck ein Gedicht mit auf die Insel gebracht, was mir sehr am Herzen liegt.

Seit Tagen versuche ich es im Versmaß anzupassen und den Anregungen von Schmuddelkind zu folgen, den betonten und unbetonten Silben mehr Beachtung zu schenken. Vielleicht liegt es daran, dass es so eine Herzensangelenheit ist, dass ich mit jedem Wort hadere und das Gefühl habe, mich dabei nur im Kreis zu drehen.

Über Tipps und Denkanstöße eurerseits würde ich mich sehr freuen.

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Das Erbe deiner Eltern

Du schleppst sie mit, diese Last,
schwer wiegt, was du zu schultern hast.
In der frühen Kindheit absolut unerkannt,
hat es sich in die Tiefen der Seele eingebrannt.

Erst nach Jahren wird dir klar,
dass das keine elterliche Liebe war.
Du quälst dich, versuchst Muster zu durchbrechen,
aber immer wieder gibst du 110 % um aus der Masse hervor zustechen.
Für das Fünkchen Anerkennung und Respekt, um von Anderen zu erfahren,
dass in dir doch soviel Positives steckt.

Du gierst nach Liebe und fragst dich doch,
kannst du denn selbst das Lieben noch?
Nie hast du erfahren dürfen wie es ist,
geliebt zu werden, nur weil Du bist.
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Ich denke gerade in der 2 Strophe wäre eine Verdichtung angebracht :think:

Liebe Grüße,
Pius
"Mut steht am Anfang des Handelns und Glück am Ende." - Demokrit

Re: Das Erbe deiner Eltern

#2
Lieber Pius,

ich habe mal versucht, das Versmaß anzugleichen und dabei möglichst wenig zu verändern.
Wenn das ein Thema für dich ist, das dir sehr am Herzen liegt, ist es ein guter Anfang, überhaupt Worte zu finden und deinen Gedanken dazu Ausdruck zu verleihen. Die Feinheiten kommen mit der Zeit.


Das Erbe deiner Eltern

Du schleppst sie mit, die eine Last,
schwer ist, was du zu schultern hast.
In früher Kindheit unerkannt,
ist es der Seele eingebrannt.

Nach Jahren erst wird dir dann klar,
der Druck kaum auszuhalten war,
die Muster sind nicht zu durchbrechen,
dich treibt der Zwang, hervorzustechen.
Du suchst und sehnst dich nach Respekt
willst seh'n, dass Großes in dir steckt.

Du gierst nach Liebe und fragst doch,
kannst du denn selbst das Lieben noch?
Erfahren hast du nicht, wie's ist,
geliebt zu werden, wie du bist.

Wenn sich das für dich nicht mehr so passend anhört, kann ich das gut nachvollziehen. Es ist nur eine Möglichkeit.


Liebe Grüsse,
Serpentina

Re: Das Erbe deiner Eltern

#3
Hallo Pius,
ich habe versucht, Dein Gedicht metrisch etwas zu glätten und hoffe, dass nicht allzu viel verloren ging von dem, was Du zum Ausdruck bringen wolltest. Ohne Kürzungen hier und da war es mir leider nicht möglich. Ich bin ja auch nur Laie. Vielleicht kommen noch andere Vorschläge. :)


Das Erbe deiner Eltern

Du schleppst sie mit, die große Last,
zu schwer, was du zu schultern hast.
In früher Kindheit unerkannt,
in tiefster Seele eingebrannt.

Denn erst nach Jahren wird dir klar,
was elterliche Liebe war.
Versuchst das Muster zu durchbrechen,
um aus der Schar herauszustechen.

Suchst Anerkennung und Respekt,
weil Positives in Dir steckt.
Du gierst nach Liebe, fragst dich eben,
kannst du denn selbst auch Liebe geben?
Noch nie erfahren, wie es ist,
geliebt zu werden, wie Du bist.

PS:
Ein Thema, was wohl viele Menschen beschäftigt, wenn sie rückblickend auf ihre Kindheit schauen. Ich weiß nicht, ob Dein Gedicht autobiografisch ist. Ich hatte auch mal ein Gedicht über dieses Thema geschrieben, möchte es hier aber nicht nochmal separat posten, um Rückmeldungen zu erhalten. Es ist an dieser Stelle nur für das Lyrische Ich in Deinem Gedicht und für Leser, die es lesen möchten. Meine Mutter ist vor 1 ¼ Jahren verstorben und ich habe schon lange vor ihrem Tod Frieden geschlossen, aber vergessen kann man wohl nie so richtig ... :?
Liebe Grüße
Dabschi

Seelenkleider

Warum hast Du mein Seelenkleid zerrissen?
Es war noch blütenrein und ohne Fleck,
doch Deine Wut warf es in Müll und Dreck.
Ich werde es für immer sehr vermissen.

Seitdem sind viele Jahre schon vergangen.
Ich bastelte ein neues Seelenkleid
und war für neue Wege stets bereit,
im Schatten meiner Kinderzeit gefangen.

Ich kann die trübe Kindheit nicht vergessen,
doch wäre es von mir wohl sehr vermessen,
könnt ich Dir alten Frau nicht mehr vergeben.

Du bist und bleibst für immer meine Mutter
und Blut ist dicker als zerlassne Butter.
Verdank ich Dir doch immerhin mein Leben.
Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
(Dietrich Bonhoeffer)

Re: Das Erbe deiner Eltern

#4
Hallo Serpentina, Hallo Dabschi,

vielen, vielen lieben Dank, dass ihr euch meines Gedichtes angenommen habt, darüber freue ich mich wirklich sehr.

Ich finde beide Vorschläge toll, v.a. diese 2. Strophe trifft es für mich genau. Sie beschreibt bedrückend und schonungslos, wozu mir die passenden Worte fehlten.
Serpentina hat geschrieben: Nach Jahren erst wird dir dann klar,
der Druck kaum auszuhalten war,
die Muster sind nicht zu durchbrechen,
dich treibt der Zwang, hervorzustechen.
Du suchst und sehnst dich nach Respekt
willst seh'n, dass Großes in dir steckt.

Dabschi,

ja das Gedicht ist autobiografisch und beschreibt nur einen der vielen Aspekte, die ich aus Kindertagen mit mir herum trage :roll: Es kam an einem Abend auf einem Balkon mit intensiven Gesprächen zustande.

Da dies hier öffentlich einsehbar ist, bin ich mir nicht sicher in wie weit ich auf meine Kindheitsgeschichte eingehen mag, aber einfach beschreibt definitiv was anderes. Sie löste in mir den Drang zum Perfektionismus, Panikattacken mit Depressionen sowie Verlustängste aus.
Ich finde es immer schwierig darüber zu sprechen, da es nicht so rüber kommen soll, als würde man sich eine Entschuldigung für dieses oder jenes Verhalten im Erwachsenenalter zurecht legen. Unbestritten ist jedoch, dass einen die Kindheit mit ihren Erfahrungen (gut und schlecht) für seinen späteren Lebensweg unwahrscheinlich prägt.
Meine beste Freundin und ich haben nicht die gleiche aber durchaus eine sehr ähnliche Kindheit erlebt und merken immer wieder, dass wir beide dieselben destruktiven und überkompensatorischen Muster entwickelt haben und wie schwer es ist gegen diese anzugehen, zu Mal die Erkennung dieser Muster auch Zeit benötigt, jedenfalls war das bei mir so.
Das beschreibst du ja mit dieser Stelle in deinem Gedicht, denke ich. Das man versucht sich Ihnen zu stellen, aber sie sich teilweise nicht abstreifen lassen.
Dabschi hat geschrieben: und war für neue Wege stets bereit,
im Schatten meiner Kinderzeit gefangen.
Irgendwann kann man sicherlich verzeihen, aber wie du es schilderst, nie vergessen. Ich denke, dass die Bewusstmachung der Thematik in einem Gedicht schon viel zur Verarbeitung beitragen kann. Man stellt sich sozusagen und es freut mich, dass es dir gelungen ist Frieden zu schließen.

Liebe Grüße,
Pius
"Mut steht am Anfang des Handelns und Glück am Ende." - Demokrit

Re: Das Erbe deiner Eltern

#5
Lieber Pius,

dankeschön, für deine offenen Worte.
Manche geben den massiven und ungesunden Druck, den sie erfahren haben an andere weiter und bei manchen wendet sich dieser gegen sich selbst. Und wenn der innere Kritiker das Ich massiv in die Zange nimmt, wird es wirklich ungemütlich.
Ungemütlich ist etwas milde formuliert. Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie entsetzlich Angststörungen sind und wie schwer es einen fallen kann, darüber zu reden, weil die Scham vor dem eigenen Versagen so gross ist und dies dann wieder Angst auslöst.
Zum Glück kann man sich mit verschiedenen Methoden und Lebenserfahrungen wieder erden und neu ausrichten. Als homo sapiens und ambivalensis (🤯), bleibt das Leben wohl ein spannungsvolle Herausforderung. 🌼


Liebe Grüsse und ein schönes Wochenende,
Serpentina

Re: Das Erbe deiner Eltern

#6
Hallo Serpentina,

ich denke wenn man offen darüber spricht oder es anspricht und dadurch "Gleichgesinnte" zum Austausch findet, hilft dies schon und man kommt sich nicht so "vereinzelt" vor.
Serpentina hat geschrieben: Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie entsetzlich Angststörungen sind und wie schwer es einen fallen kann, darüber zu reden, weil die Scham vor dem eigenen Versagen so gross ist und dies dann wieder Angst auslöst.
Zum Glück kann man sich mit verschiedenen Methoden und Lebenserfahrungen wieder erden und neu ausrichten. Als homo sapiens und ambivalensis (🤯), bleibt das Leben wohl ein spannungsvolle Herausforderung. 🌼
Die "Angst vor der Angst" ist mir persönlich auch ein Begriff und wie irrational oder vermeidend Angst einen z.T handeln lassen kann. Wenn man die Situation erkennt, lässt sich handeln, es bedarf aber guter Eigenreflektion, was in Angstsituation nicht unbedingt das Einfachste ist.

Ja, ja das Leben, schaurig-schön ;-)

Liebe Grüße und einen schönen Tag,
Pius
"Mut steht am Anfang des Handelns und Glück am Ende." - Demokrit

Re: Das Erbe deiner Eltern

#7
Hallo Pius,


ich denke wenn man offen darüber spricht oder es anspricht und dadurch "Gleichgesinnte" zum Austausch findet, hilft dies schon und man kommt sich nicht so "vereinzelt" vor.



Ja, unbedingt. Austausch und emotionale Spiegelung sind ein wichtiger Bestandteil zwischenmenschlicher Beziehungen.
Besonders für Kinder wird es verwirrend, wenn ein Elternteil oder beide, emotional abwesend sind, bzw. Emotionen, die als unerwünscht gelten, grundsätzlich verschwiegen oder verboten werden.


Die "Angst vor der Angst" ist mir persönlich auch ein Begriff und wie irrational oder vermeidend Angst einen z.T handeln lassen kann.


Ja. Was die einen ganz selbstverständlich machen, wird für einen anderen zum Drahtseilakt. (Als Bild eine gute Wahl übrigens 😉)
In manchen Fällen hält es auch fit. Ich vermeide zum Beispiel Fahrstühle, wo es nur geht.

Wenn man die Situation erkennt, lässt sich handeln, es bedarf aber guter Eigenreflektion, was in Angstsituation nicht unbedingt das Einfachste ist.
Jep.
Angst ist ja an sich etwas natürliches, um sich vor Gefahrensituationen zu schützen oder zu bemerken, dass man gerade in einer ist.
Die Angst vor der Angst ist dann so eine Schlaufe, die sich zum Glück mit Entspannungstechniken auch abmildern oder auflösen lässt.
Ich habe da als Bild einen fliegenden Ball vor Augen. Die Zeit in der wirklich Stress angesagt ist, ist dann, wenn der Ball auf dem Boden aufdonst. In der viel längeren Flugzeit, kann man sich entspannen. Angst vor der Angst bedeutet, in der Entspannungsphase schon Angst vor der kurzen Stressphase zu haben. Also gehe ich immer mal wieder ins jetzt und hier und checke, ob ich gerade aufdonse oder noch fliege.
Die Nuancen lassen sich, wenns gerade geht bzw. angesagt ist, unterschiedlich einstellen und verschieben. Dann zählt "die Schwerkraft funktioniert und der Atem fliesst" als Flugphase.


Ja, ja das Leben, schaurig-schön ;-)

Wie wahr. 👾 (In der Aufdonsphase :wtf:)

Liebe Grüsse,
Serpentina
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