Umgang mit Zeit

#1
„Die Alte soll doch endlich sagen,
was sie benötigt, statt zu klagen.
Zur Tat, die wirkt, bin ich bereit.
Der Angst zu lauschen raubt mir Zeit!“

So sieht der Sohn das Unbequeme.
Geduldig löst er die Probleme,
die es auf dem Computer gibt
und zeigt, wie sehr er Technik liebt.

Und doch saß nie ihr seelenblindes
Elektroherz am Bett des Kindes
und tröstete so manche Nacht
den Sohn, der ängstlich aufgewacht...

Re: Umgang mit Zeit

#2
lieber gummibaum,

wow, dein gedicht hat mich sehr berührt!
in unserer technikbasierten welt bleiben die gefühle oft auf der strecke und der pc ist wichtiger als die sozialen kontakte. gerade die eigenen eltern geraten da manchmal aus dem fokus der kinder, die es unbeqem und nervig finden, sich mit deren problemen zu befassen, für ihren pc aber alle zeit der welt haben.

ich habe eben die widmung auf der ersten seite eines neuen buches gelesen und da stand: *ich widme diesen roman meiner mutter und meinem vater, die diese erde für immer verlassen haben. für diejenigen, die noch eltern haben: legen sie das buch weg, nehmen sie den telefonhörer in die hand und sagen sie ihnen, wie sehr sie sie lieben. und zwar sofort. ich warte.*

und noch bevor ich das umsetzen konnte, las ich dein gedicht, welches mich bei dem gleichen gefühl abholte.

danke dafür! aber jetzt muss ich erstmal telefonieren gehen ...

liebe grüße
grashüpfer
it all seems so stupid
it makes me want to give up
but why should I give up
when it all seems so stupid

(depeche mode)

Re: Umgang mit Zeit

#4
Fein erfasst, lieber gummibaum. Hier ist das LI der Versuchung erlegen, Problemelösungen im technischen Bereich als ausreichend anzusehen und sich allein auf bequemen Pfaden zu bewegen.

Ängste und Sorgen aufzunehmen und verdaulich zurückzugeben oder einfach auch fürsorglich bestehen zu lassen, erfordert seelische Fähigkeiten, die sich immer wieder entfalten wollen. Aber auch dann, wenn man das verinnerlichen kann, kann man leicht mal, je nach Tagesform der Beteiligten, an seine Grenzen der Belastbarkeit stoßen.


Sehr gerne gelesen,
Serpentina

Re: Umgang mit Zeit

#6
gummibaum hat geschrieben:
16 Nov 2019, 18:54
„Die Alte soll doch endlich sagen,
was sie benötigt, statt zu klagen.
Zur Tat, die wirkt, bin ich bereit.
Der Angst zu lauschen raubt mir Zeit!“

So sieht der Sohn das Unbequeme.
Geduldig löst er die Probleme,
die es auf dem Computer gibt
und zeigt, wie sehr er Technik liebt.

Und doch saß nie ihr seelenblindes
Elektroherz am Bett des Kindes
und tröstete so manche Nacht
den Sohn, der ängstlich aufgewacht...
Sehr schön geschrieben. Ja die Technik... Sobald man das Gedicht liest, gibt es mindestens einen Menschen in unserem Umkreis an den wir dabei denken müssen. Traurig. Technik ist gut aber eben kein Leben. :heart:
"Niemand weiß wie sich Stille anhört,
bis sie einen zum ersten Mal anbrüllt."

(Unbekannt)
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