Der Tick

#1
Der Tick

Er sitzt sobald
er kann im Flur,
mal Stunden lang,
mal tout le jour,
ihn treibt ein innrer Drang.

Dort  weilt er still
und lauscht dann nur,
dem Ticken einer
großen Uhr,
am liebsten stundenlang.

Für andre
klingt das Ticken stur,
er spürt jedoch
darin  Kontur,
die Klarheit der Struktur.

Ein feines Muster
ohne Zwang
und einer Schönheit,
die nicht trügt,
die Tick und Tack
zusammenfügt.

Im Takt wird dann
ein Tick zum Tack
und Tick und Tack
und Tick und Tack
...

Re: Der Tick

#2
Hallo Serpentina,

ich kann den Mann verstehen. Die Uhr ist ein verlässliches Werkzeug, eine Hilfe und gleichzeitig Taktgeber für die individuelle Musik, den Chor des Ganzen und das individuelle Leben des Menschen...

Ich mag auch Sonnenuhren. Sie sind noch verlässlicher und nach ihnen richtet sich sogar die Natur. :-)

Irregute Freitagsgrüße
WuI
„Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt.“ -Khalil Gibran

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Re: Der Tick

#3
Hallo Serpentina
Ich finde dein Gedicht in Form und Inhalt sehr schön und außergewöhnlich!
Die kurzen Zeilen harmonieren mit der Geschichte die du erzählst, wirken selbst wie Uhrwerkmechanik.
Dann die gefühlvolle Beschreibung eines besonderen Menschen ( es widerstrebt mir, von einer geistigen Erkrankung bzw. Psychose oder vom Asberger-Syndrom zu sprechen) der Ruhe und Sicherheit im regelmäßigen Ticken einer Uhr findet.
Auf deine ganz eigene Art und Weise hast du ein Gedicht erschaffen, das der Sichtweise von Rilke " der Panther " im Jardin des Plants ähnelt.
Gibt es ein Erlebnis, das Anlass zu dem Gedicht war? oder bist du einfach ein großartiger Beobachter.

Grüße aus dem Marsriegel-Vollzug
m.c
Besser ein guter Humor, als ein bösartiger Tumor °°° m.c

"liebe die Liebe und hasse den Hass" *** Christian Bale

Re: Der Tick

#4
mont claire hat geschrieben:
27 Sep 2019, 19:37
Gibt es ein Erlebnis, das Anlass zu dem Gedicht war? oder bist du einfach ein großartiger Beobachter.

Hallo mont claire,

hier haben sich verschiedene Erfahrungen und Gedanken während des Schreiben verschränkt.

Beeinflußt wurde ich da auch anteilig von dem lesenswerten Buch "Buntschatten und Fledermäuse". Der Autor ist, nach eigenen Angaben, Autist.

Lg,
Serpentina

Re: Der Tick

#7
Hallo WuI,

ja, natürliche Rhythmen und der Wunsch nach Verlässlichkeit prägen Menschen. Hier wird es allerdings zum Tick. Die Möglichkeiten mit der Welt in Kontakt zu treten ist sehr eingeschränkt.


Lg,
Serpentina

Re: Der Tick

#8
Liebe Serpentina,

auch hier wieder ein gekonnter Einsatz zweihebiger Verse, die sowohl das Ticken der Uhr nachahmen, als auch eine beklemmende Stimmung erzeugen. Auch wenn der Mann darin einen Sinn sieht, die Schönheit des Gleichmaßes würdigt, für mich als Außenstehender wirkt es zwanghaft und wie Zeitverschwendung - diese Sichtweise kann ich auch nach Einsicht in seine Gedankenwelt nicht abschütteln. Und das ist es wohl, was mich an deinem Gedicht fasziniert; dass da etwas so positiv beschrieben wird, dem ich nichts abgewinnen kann, dass Menschen so unterschiedlich sein können.

LG
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Der Tick

#9
Liebes Schmuddelkind,

lieben Dank für dein genaues Hinsehen und Reinspüren in das Gedicht. Auf den Möglichkeitssog der bewussten Zweihebigkeit, bin ich durch deine Fornyrðislags gestoßen.

Diese Sichtweise kann ich auch nach Einsicht in seine Gedankenwelt nicht abschütteln.


Ein Abschütteln braucht es auch nicht, finde ich. Dennoch können und das weiß ich aus eigener Erfahrung, auch ganz einfache Muster, wie das Ticken einer Uhr, in bestimmten Momenten, "Schönheit in sich selber finden", um den Autor (Axel Braun) von "Buntschatten und Fledermäuse" zu zitieren.
Wenn das Ticken einer Uhr das Einzige ist, was das Leben aushaltbar macht, ist das natürlich eine krasse Einschränkung und wie du richtig bemerkst, beklemmend.

Lg,
Serpentina

Re: Der Tick

#10
Auf den Möglichkeitssog der bewussten Zweihebigkeit, bin ich durch deine Fornyrðislags gestoßen.

Oh, das ist ja cool! :)
Zweihebigkeit hat echt was Besonderes und man kann so viel damit anstellen. Warum habe ich mich so lange nicht mehr mit dieser Form beschäftigt? Hat mir doch damals so viel Spaß gemacht.

Ein Abschütteln braucht es auch nicht, finde ich. Dennoch können und das weiß ich aus eigener Erfahrung, auch ganz einfache Muster, wie das Ticken einer Uhr, in bestimmten Momenten, "Schönheit in sich selber finden"

Das stimmt auch wieder. Noch schöner finde ich allerdings, wenn ganz einfache Regeln zu komplexen Strukturen führen, wie z.B. in der Mandelbrotschen Menge.
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.
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