zu dritt

#1
zu dritt am tisch. es gäbe viel zu sagen.
der sohn belauert, was die mutter denkt,
er wittert seines vaters herbe fragen,
doch beide sind in stummes tun gezwängt.

die mutter schließt die augen selbstvergessen,
sie atmet aus dem weinglas milden duft.
der vater heftet seinen blick aufs essen
und zwischen allen wächst und gärt die kluft.

der sohn im schwarzen t-shirt ist der sieger,
doch ist der sieg zu leicht, um wahr sein.
die eltern ducken sich wie müde krieger
und lassen ihn mit halber kraft allein.


(aus dem Fundus)
Zuletzt geändert von gummibaum am 10 Jul 2019, 20:47, insgesamt 1-mal geändert.

Re: zu dritt

#2
Der englische Begriff für Kleinfamilie: Nuclear family. Finde ich ganz schön.

›Kleinfamilien-Confinement‹ fällt mir dazu ein.

Aus dem Wikipedia-Artikel über die starke Wechselwirkung / Bindung zwischen Quarks:

Bei kleinem Abstand können die Quarks wie freie Teilchen betrachtet werden (asymptotische Freiheit). Mit größerem Abstand bewirkt die zunehmende Wechselwirkungsenergie, dass die Quarks den Charakter selbstständiger Teilchen verlieren, weswegen sie nicht als freie Teilchen beobachtet werden können (Confinement).

Der Vergleich hinkt natürlich. Interessant finde ich in dem Zusammenhang aber, dass die wachsende Kluft zwischen Kleinfamilienmitgliedern nicht notwendigerweise zu mehr Freiheit der Mitglieder führt. Jedenfalls nicht, bis die Kette reißt, die sie aneinander bindet.

Die Kluft am Ort der Nahrungsaufnahme wächst, aber die Kehlen werden enger.

--------------------------------

Ich frage mich, ob der Sohn sich nicht auch duckt. Nichts gegen die ersten drei Zeilen der letzten Strophe, aber wichtiger scheint mir die letzte Zeile zu sein.

Lob an den Koch! ;)

Re: zu dritt

#3
Lieber Gummibaum,
man spürt förmlich die unausgesprochenen Dinge in der Luft liegen. Niemand möchte den ersten Stein werfen. Die Eltern ignorieren das Verhalten ihres Sohnes. Der Sohn erwartet Konsequenzen, aber die bleiben aus. Will mans sich mit dem Sohn nicht verderben? So scheint er Sieger für den Moment zu sein, doch für sein späteteres Leben wäre eine Auseinandersetzung hilfreicher gewesen.
So in etwa ist es bei mir angekommen. Ein tiefgehender Text. Sehr gern gelesen und drüber nachgedacht.
Liebe Grüße
Melone

Re: zu dritt

#4
Lieber Plutino,
die Familienverhältnisse im Atomkern zu untersuchen, ist gewiss interessant. Übertragbares findet sich bestimmt. Der Sohn duckt sich hier nicht, er schlägt schon im Vorfeld ins Leere und kann keine wirkliche Seelenkraft entwickeln.

Liebe Melone,
bei dir ist angekommen, was ich sagen wollte.

Euch liebe Grüße
gummibaum

Re: zu dritt

#5
gummibaum hat geschrieben:
10 Jul 2019, 09:51
die Familienverhältnisse im Atomkern zu untersuchen, ist gewiss interessant. Übertragbares findet sich bestimmt. Der Sohn duckt sich hier nicht, er schlägt schon im Vorfeld ins Leere und kann keine wirkliche Seelenkraft entwickeln.

Die drei sitzen am Tisch und schweigen. Du überspringst den offenen, mit Worten ausgetragenen Streit. Darüber erfährt der Leser nichts. Auch nicht in der letzten Strophe. Deshalb ist der Sieg, den der Sohn davon trägt, allenfalls ein Sieg in dem Wettbewerb darum, wer am Effektivsten verhindert, dass der andere zuerst blinzelt. Auch der Sohn drückt sich um den offenen ausgetragenen Streit, vermutlich ebenfalls aus der Erfahrung heraus, dass Streitigkeiten mit seinen Eltern zu nichts Gutem führen. In dem Sinne duckt er sich. Anders kann ich das nicht interpretieren. Die Tischrunde ist eine Art kalter Krieg. Und die Eltern sind kriegsmüde, aber nicht bereit, Zugeständnisse zu machen. Und der Sohn ist einfach nur erleichtert, dass es dieses Mal am Tisch zu keinen gegenseitigen Vorwürfen gekommen ist. Die Situation, die du beschreibst, ist nichts Ungewöhnliches in Klein- bzw. Kleinstfamilien, denke ich. Keine Ahnung, weshalb der Sohn keine Seelenkraft entwickeln sollte/könnte. Das Hotel Mama hat halt Vorteile, die die Emanzipation des Sohnes hinauszögern.

Re: zu dritt

#7
Die bedrückende Szene läuft vor meinem geistigen Auge ab und jagt mir Schauer über meinen Rücken.

Hast du nicht bei einem Wort 'selbstververgessen" "ver" doppelt geschrieben?

Sehr gut geschrieben und sehr gern gelesen, gummibaum.

LG animar

Re: zu dritt

#9
Eine sehr bedrückende Stimmung, die Du in Deinem Gedicht beschreibst, lieber Gummibaum.

Es könnte z.B. bedeuten, dass das LI seiner Mutter schon „reinen Wein“ eingeschenkt hat und nun der strenge Vater am Tisch mit einer unangenehmen Situation konfrontiert werden soll.
Nachdem die Mutter merkt, wie ihr Mann darauf reagiert, hält sie zu ihrem Mann.
der sohn im schwarzen t-shirt ist der sieger,
doch ist der sieg zu leicht, um wahr sein.
die eltern ducken sich wie müde krieger
und lassen ihn mit halber kraft allein.
Könnte bedeuten, dass der Sohn mit seinem Outing trotz Verhalten der Eltern stolz darauf ist, dass er den Mut hatte, die Karten offen auf den Tisch zu legen ...

Sehr gerne gelesen und mir Gedanken darüber gemacht.

Liebe Grüße
Dabschi
Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
(Dietrich Bonhoeffer)

Re: zu dritt

#11
Der zentrale Vers ist mir hier der letzte. Bedrückend real. Und letztlich doch menschlich, Unwissenheit oder auch Ermüdung (ich habe 3 Söhne großgezogen) spielen da ihre unrühmliche Rolle. Fehler macht man immer - ist es nicht der, von dem man bereits weiß, kommt ein anderer dazu. Es ist neben all dem Glück auch ein Elend, Mutter oder Vater zu sein. Lieben Gruß zu Dir!
Antworten

Zurück zu „Nachdenkliche Gedichte“

cron