Abendstimmung

#1
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Erinnerungen

Die Nacht ist kühl. Es atmet in den Zweigen
ein letzter, bunter Hauch von Sommerglück.
Dann wird es still. Und sternenklares Schweigen
bringt mir ein Stück Vergangenheit zurück.

Da waren Tage, voll des prallen Lebens,
so wildverwegen; war Unendlichkeit!
Kein Pulsschlag, keine Stunde schien vergebens.
Die Uhren ausgeblendet: Was war Zeit?

Die Nacht ist still. Erinnerungen steigen
im Dunkel auf, erzählen von Vergänglichkeit.
Bleib ruhig, Herz, wir wollen beide schweigen.
Und lautlos rinnt die Zeit, die Zeit...

Re: Abendstimmung

#4
Liebe Jule,

die Symbiose von Innen- und Außenwelt ist in dem Gedicht hinreißend und das Foto tut sein Übriges. :)

Interessant, wie hier in der ersten Strophe im Grunde der Wind stellvertretend für die sommerlichen Glücksmomente, die Unbeschwertheit, den Tagesgenuss steht. Als der Wind aufhört, die Stille einsetzt und dem LI klar wird, dass alles vergänglich und nichts in der Welt selbstverständlich wird, ist der Bezug zum Gegenwärtigen gebrochen. Der Sommer wird augenblicklich zu einer Erinnerung, die du in der zweiten Strophe bunt ausmalst.

Zeit hat keine Bedeutung, solange man sie genießt, solange man im Moment eingeht - dies ist das Stück Ewigkeit, das wir erleben können, was du in S2V2 gekonnt in Worte packst. Bezeichnenderweise wird im vierten Vers die Frage nach der Bedeutung von "Zeit" erst im Nachhinein gestellt - "was war Zeit?". Vergänglichkeit ist erst im Nachhinein so richtig begreifbar. Solange man sich im Moment befindet, gibt es keine Zeit; danach möchte man die Zeit gerne zurückhaben. Das ist eine tragische Paradoxie unseres Erlebens.

Die Abschlussverse haben es in sich:

Bleib ruhig, Herz, wir wollen beide schweigen.
Und lautlos rinnt die Zeit, die Zeit...

Die Stille ist nun zu einem glücklichen Moment geworden, das Erinnern also ist die Gegenwart des LI. Das Erinnerte ist vergangen und kehrt nie wieder zurück, aber das Versinken in den Erinnerungen ist wieder so ein ewiger Moment. Ein sehr tröstender Gedanke, den du am Ende doch wieder in bittere Wehmut wandelst, denn wie mit den vorherigen Glücksmomenten auch, sind auch diese vergänglich und erst im Nachhinein begreift man den Wert der Zeit. Dir ist es gelungen, mich mit dem vorletzten Vers einzulullen, dass ich mich ganz diesem Glück eines nostalgischen Moments anvertraute und dann rammst du mir einfach so den zahn der Zeit ins Genick. ;)

Sprachlich und klanglich ist dein Gedicht übrigens sehr angenehm zu lesen - eine ruhige bedächtige Stimmung wird vermittelt.
Danke für das schöne Gedicht. :)

LG
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Abendstimmung

#5
Deinem wunderschönen Kommentar ist eigentlich nichts hinzuzufügen, außer vielleicht: die Zeit kann auch tröstlich rinnen. Es kommt darauf an, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet.
Liebe Abendgrüße und ein herzliches Dankeschön sendet Jule

Re: Abendstimmung

#6
die Zeit kann auch tröstlich rinnen.

Vielleicht ist mir noch nicht genug Zeit vergangen. ;)
Aber du hast recht: Mit der Zeit lernt man ja auch. Und indem man Dinge zusammenhängender betrachtet, findet man wohl auch Trost im Großen und Ganzen.
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.
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