Männerabend

#1
Teil 1

"Sohnemann, von mir hast du es nicht, OK? Aber deine Mutter meinte, du kannst auf die Dauer ganz schön nervig sein. Ich glaube, sie übertreibt. Jetzt hat sie aber zum ersten Mal seit einer Woche Körperkontakt zu dir aufgelöst und ist für eine Stunde drüben bei den Nachbarn. Um mal den Kopf frei zu kriegen, meinte sie. Das gibt mir wiederum die Gelegenheit, mich vorzustellen. Ich bin dein Vater. Du darfst mich Papa nennen. Du hast mich vermutlich noch nicht gesehen, weil du Zeit deines Lebens wahlweise geschlafen oder deine Nase in die Brüste meiner Frau vergraben hast. Ist schon OK. Dir lasse ich das durchgehen. Aber ich war die meiste Zeit auch hier, irgendwo im Raum und habe dir zugesehen. Jetzt wird es Zeit, dass wir beiden Männer uns mal so richtig kennenlernen. Mama hat sich Sorgen gemacht, dass ich das nicht hinkriege. Aber bitte! Der werden wir es schon zeigen, wa? Wir werden einen richtig netten Männerabend haben mit Bier und Fußball."

Mit großen Augen verfolgt er meine Rede. Ich bin ein Prophet und nun wird es Zeit, ihm unsere Kirche zu zeigen. Ich drehe ihn herum, setze ihn auf meinem Schoß ab und er blickt zum Fernseher. Dabei gibt er Geräusche von sich, die man wohl als Lachen deuten kann.

"Das ist der FCK, die roten Teufel - die Männer in den roten Trikots, die sich viel zu tief hinten rein stellen. Ich werde dir in deinem Leben viele Entscheidungen überlassen, aber wenn du hier wohnen willst, musst du diese Götter anbeten, mein Sohn. Weißt du, wann der FCK seine letzte deutsche Meisterschaft gewonnen hat? 1998 als Aufsteiger unter dem großen Otto Rehhagel - das ist über 20 Jahre her, aber für uns niemals Vergangenheit. Es war der Nachmittag des 2. Mai. Es war warm, fast heiß, doch der Rasen gut gewässert. Eine Geräusch gewordene Entschlossenheit erbebte auf dem Betzenberg und ließ den Männern auf dem Platz, die ihrer Aufgabe gewahr, keinen Zweifel am Siege, dass die Regeln des Spiels selbst geneigt gewesen wären, sich unserer Beharrlichkeit zu beugen, wenn dies erforderlich gewesen wäre. Nein, wir gewannen nicht einfach, wir definierten, was es heißt, zu siegen - 4:0 gegen Wolfsburg, zwei Tore von Fußballgott Olaf Marschall. Woher ich das alles so genau weiß, fragst du? Diese Hand, genau diese, die dich gerade hält, hat direkt nach dem Spiel die Hand Rehhagels geschüttelt. Scheiße! Tor für Großaspach. Das konnte man doch riechen, ihr Deppen!"

Auch der Kleine ist von der Trauer des Moments ergriffen, der offenbart, wie sehr als FCK-Anhänger Anspruch und Wirklichkeit aneinander vorbei leben und fängt an zu weinen.

"Du hast recht. Es ist am Ende alles vergebens. Was bleibt einem als die Liebe zur Vergangenheit? So ist es generell im Leben, mein Sohn. Da gibt es diesen einen vollkommenen Moment; der kommt einmal im Leben und ist sogleich vorüber. Danach ist alles stumpfsinniges Warten auf den Tod. Aber um ehrlich zu sein - seitdem du da bist... Hast du etwa gerade? OK, kein Problem. Ist ja nicht so, als hätte ich damit gar nicht gerechnet. Ist nur halt vom Timing ein bisschen ungünstig, weil gerade Fußball läuft. Aber keine Sorge! Ich weiß, wie das geht. Ich habe darüber im Internet gelesen. Vertrau mir! Ich weiß, was ich tue. Siehst du, jetzt liegst du hier ganz bequem und... ach herrje! Versprich mir, dass du nicht in Panik gerätst, aber deine Scheiße ist grün. Das wird halb so schlimm sein, oder? Aber grün? Richtig grün! Schau her! Sag doch was! Oh Shit, was hab ich falsch gemacht. Isabell meint: "Kein Fußball!" Aber davon kann das doch nicht kommen, oder? Scheiße! Was mach ich jetzt? Ich rufe deine Mutter an... Na toll! Sie hat ihr Handy hier gelassen. Mist! Wir müssen ins Krankenhaus."

Hastig ziehe ich die Schuhe an, greife die Autoschlüssel und das Baby - im Rausgehen noch ein kurzer Blick zum Fernseher - immer noch 0:1. Wie ein Irrer rase ich durch die Stadt, Autos hupen, mein Sohn weint, ich schreie. Unmittelbar vor dem Eingang stelle ich mein Auto ab, auf dem Platz, der für Krankenwagen reserviert ist. Aber dies ist eindeutig ein Notfall. Wie einen Football halte ich meinen Sohn, renne durch das Foyer, schubse im Weg stehendes medizinisches Personal und Patienten und kreische dabei: "Sie ist grün! Sie ist grün!"
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Männerabend

#2
Lieber Schmuddi,

das ist ja süß. Bis auf ein paar Fußballdetails -die Stellen habe ich überflogen- ;) hat es mir Spaß gemacht, Deine Geschichte zu lesen. Ich musste sehr schmunzeln, besonders zum Ende hin. Das LI völlig verzweifelt, weil Sohnemanns Kacka grün ist. Sohnemann hat doch nur Spinat gegessen. Ich bin gespannt darauf, wie es weitergeht und wie das Personal im Krankenhaus darauf reagiert. :mrgreen:

Liebe Grüße
Dabschi
Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
(Dietrich Bonhoeffer)

Re: Männerabend

#3
Danke, liebe Dabschi! :)

Freut mich sehr, dass es trotz des Fäkalhumors und der Fußballhistorie süß geworden ist. :D
Ich weiß schon, wie es weitergeht, aber irgendetwas hält mich gerade davon ab, weiter zu schreiben. Vielleicht schaffe ich es im Laufe des Abends noch...

LG
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Männerabend

#4
Teil 2

"Wer ist grün?", fragt die Dame an der Rezeption unbeeindruckt.
"Die Scheiße."
"Ihre Scheiße?"
"Nein, seine."
"Das ist völlig normal in dem Alter. Die erste Zeit nach der Geburt ist der Stuhl zunächst grün, später dann gelb, wobei der gelbe Stuhl sich auch grün verfärbt, wenn man ihn trocknen lässt. Tatsächlich deutet die grüne Farbe auf ausreichende Nährstoffversorgung hin."
"Ich will Ihre Expertise wirklich nicht in Frage stellen, aber ich würde das gerne von einem Arzt hören."
"Nehmen Sie es meinetwegen von einer Mutter hin und lassen Sie die Ärzte ihre Arbeit machen!"

Aus irgendeinem Grund hat mich das überzeugt und ich schreite gesenkten Hauptes wieder zum Ausgang. Wo ist das Auto? An der Auffahrt zur Straße sehe ich bereits einen Abschleppwagen mit meinem Auto im Schlepptau. Mit dem Kleinen auf dem Arm renne ich also dem Abschleppdienst nach, gerate ins Stolpern, rette mich mit einer Judo-Rolle, wobei ich meinen Sohn mit dem Arm abschirme, und nutze den Schwung sogleich bis zum aufrechten Stand. Erschrocken schaue ich ihn an. Er lacht und der Abschleppwagen biegt auf die Straße ein, unmöglich ihn zu verfolgen.

Da bemerke ich, dass ich mein Handy in der Eile zuhause vergessen habe. Zehn Minuten lang warte ich mit dem Baby auf dem Arm auf den Bus und bemerke beim Einsteigen, dass ich auch meinen Geldbeutel zuhause liegen ließ.
"Es ist wirklich ein Notfall", erkläre ich dem wenig begeisterten Busfahrer.
"Ich hab meine Vorgaben. Ich kann Sie hier nicht einfach mitfahren lassen. Das kann mich den Job kosten."
"Aber ich kann nicht 7km mit dem Baby auf dem Arm bis nach Hause laufen. Ich hab wirklich alles vergessen, Handy, Gelbeutel, alles... weil wir plötzlich los mussten. Seine Scheiße ist grün."
"Das ist doch völlig normal", kommentiert der Busfahrer verständnislos.
"Oh, das ist ja die Mütze zur 91er Meisterschaft!", bemerke ich bewundernd, während ich zum Kopf des Busfahrers weise.
"Mit Autogrammen von Haber, Lelle und Stumpf. Die 91er Meisterschaft war eigentlich viel bemerkenswerter als die 98er."
"Allerdings! Wenn man bedenkt, was für ein Noname-Team wir hatten. Der einzige, auch erst später bekannt gewordene Spieler, war Stefan Kuntz."
"Alla guud. Steigt ein!"
"Vielen Dank!"

Ich setze mich neben einer jungen Dame hin, auf den einzigen freien Sitzplatz. Wie ich den Kleinen auf meinen Schoß platziere, merke ich, dass ich auch vergessen habe, ihm eine neue Windel anzuziehen und halte ihn instinktiv von mir weg. Da informiert mich die junge Dame:
"Ihr Kind tropft."
"Ja, ich wurde mitten beim Windelwechseln von der Spontaneität der Ereignisse überrascht."
"Äh, das ist grün."
"Völlig normal", versichere ich ihr schulmeisterlich.
"Und, lohnt sich die Anschaffung eines Kindes?"
"Naja, ist halt eine langfristige Investition. Im Moment noch mit viel Arbeit verbunden. Aber ich freue mich darauf, all diese Fragen zu beantworten, die in ihm schlummern und ihn auf seinem Lebensweg solange zu begleiten, bis er mich abschüttelt und sagt: "Papa, ich weiß das zu schätzen, was du für mich getan hast, aber so langsam nervt es. Ich komme allein zurecht.""
"Sie arbeiten also darauf hin, überflüssig zu sein und freuen sich bereits auf diesen Moment?"
Plötzlich fängt mein Sohn an zu weinen.
"Psst, ist doch gut. Noch ist es längst nicht so weit. Wir werden noch ein paar Jahre haben, bis ich dir lästig bin."
"Hat er vielleicht Hunger?"
"Meinen Sie? Wie kann er denn kacken und zugleich Nachschub anfordern?"
Als mein Sohn das hört, fängt er lauter und aufdringlicher an zu schreien.
"OK, OK. Ist ja gut. Ich kümmere mich darum, Kumpel. Halten Sie mal bitte!"

Sie hält das Baby in etwa wie eine zuvor geschüttelte und dann halb aufgedrehte Colaflasche, während ich schnurstracks auf eine Passagierin zugehe, die gerade ihr Baby säugt. Ich tippe ihr von hinten auf die Schultern und erkläre ihr die Lage:
"Entschuldigung, ich bin in einer Notlage. Meine Frau ist nicht da. Hätten Sie vielleicht einen kleinen Schluck übrig?"
"Das glaube ich ja nicht. Was erdreisten Sie sich denn?!"
Die letzten fünf Stationen muss ich also doch nach Hause laufen. In der ganzen Zeit schreit mir der Kleine erbarmungslos ins Ohr.

Zuhause angekommen, sehe ich Isabell ganz aufgelöst mit zwei Polizisten redend. Der Eine schreibt alles mit, der Andere schaut betroffen unter sich.
"Du Monster!", schreit sie los, während sie mir das Baby aus der Hand reißt.
"Hallo Liebling."
"Du hast mein Kind entführt."
"Ich hab's ja wieder zurückgebracht."
"Verhaftet ihn!"
"Beruhige dich. Ich wollte ihn doch nicht entführen. Wir waren nur im Krankenhaus."
"Im Krankenhaus?! Was hast du ihm angetan?"
"Ich... nichts. Es war nur... seine Scheiße war grün."
"Das ist doch völlig normal. Hab ich dir tausendmal erklärt. Hörst du mir denn irgendwann mal zu, wenn ich über unseren Sohn rede?"
"Verzeihung! Bei dem Thema muss ich wohl abgedriftet sein."
Gerade noch kann ich dem Mutterschaftsratgeber ausweichen, den sie mir ins Gesicht werfen wollte.
"Warum bist du nicht einfach rüber gegangen? Du wusstest doch, wo ich war."
"Guter Punkt. So klar konnte ich in der Situation nicht denken."
"Gott, er hat keine Windel an, ich habe die Polizei gerufen, meine Eltern machen sich Sorgen... und du stinkst nach Scheiße. Außerdem habt ihr Fußball geschaut. Der Fernseher war noch an."
Da hebe ich den Zeigefinger: "Und das Auto wurde abgeschleppt."
Da wirft sie die Fernbedienung nach mir.

Der protokollierende Polizist begleitet mich kurz nach draußen auf die Terasse und redet mir ins Gewissen:
"Hören Sie. Ich war auch schon in dieser Situation. Nach der Geburt sind Männer Idioten und Frauen Gotteskrieger im Auftrag ihres Kindes. Es hat, glaube ich, keinen Zweck, wenn Sie heute hier bleiben. Mein Vorschlag: Ich führe Sie ab und nehme Sie in Schutzhaft. Das verschafft ihr erstmal Genugtuung, damit sie sich wieder beruhigen kann und Sie müssen sich heute erstmal keine Sorgen um Ihre Sicherheit machen."
"Das klingt überraschend attraktiv."
Also führen mich die Polizisten in Handschellen ab. Mit aneinander gebundenen Händen winke ich den verstörten Nachbarn zu, ehe ich zur Hintertür des Polizeiautos einsteige.
"Wie hat eigentlich der FCK gespielt?", frage ich.
"3:1 gewonnen."
Vieles ist schlecht, aber alles ist gut.
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Re: Männerabend

#5
Boah … das ist ja eine turbulente Geschichte, lieber Schmuddi. Ob man(n) tatsächlich so verpeilt sein kann? :crazy:

Im ersten Teil konnte ich nicht so richtig herauslesen, dass der Sohnemann noch ein ganz junger Säugling ist. Deshalb war meine Vermutung, dass der grüne (die Scheiße nenne ich mal Stuhlgang ;) ) das Ergebnis vom verzehrten Spinat aus dem Babygläschen war.
Mit dem Kleinen auf dem Arm renne ich also dem Abschleppdienst nach, gerate ins Stolpern, rette mich mit einer Judo-Rolle, wobei ich meinen Sohn mit dem Arm abschirme, und nutze den Schwung sogleich bis zum aufrechten Stand. Erschrocken schaue ich ihn an. Er lacht und der Abschleppwagen biegt auf die Straße ein, unmöglich ihn zu verfolgen.
Ich stellte mir die Szene beim Lesen bildlich vor und machte mir um Sohnemann ein bisschen Sorgen. Aber alles gut, er hat ja gelacht. Endlich mal ein bisschen Action, nachdem Papa ihn zwang mit ihm Fußball zu gucken … :lol:

Gerne gelesen.

Liebe Grüße
Dabschi
Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
(Dietrich Bonhoeffer)

Re: Männerabend

#8
Vielen Dank, dass ihr mich an euren Reaktionen teilhaben lasst, ihr Lieben! :)

Ob man(n) tatsächlich so verpeilt sein kann?

Ich fürchte schon. In der (wenn auch unbegründeten Panik) gibt es halt nur noch einen Fokuspunkt - zwei mit Fußball, aber das ist ja sowieso klar. ;)


Im ersten Teil konnte ich nicht so richtig herauslesen, dass der Sohnemann noch ein ganz junger Säugling ist.

Vielleicht hätte ich das noch klarer herausarbeiten sollen. Werde wohl irgendwann mal wieder über die Geschichte drüber gehen. Habe sie erstmal so aus der Hüfte geschossen. Im zweiten Teil konnte ich immerhin noch einen Plothole selbst kaschieren.

Ich stellte mir die Szene beim Lesen bildlich vor und machte mir um Sohnemann ein bisschen Sorgen. Aber alles gut, er hat ja gelacht.

Aus irgendeinem Grund war die Szene auch besonders lebendig vor meinem geistigen Auge, während ich geschrieben habe. :think:
Vielleicht ist das meinem Vater ja mit mir passiert und ich trage es in meinem Unterbewusstsein mit mir herum.

Hab mich köstlich amüsiert.

:)
Das freut mich sehr.

Ich glaube, ich kehre bald zur Prosa zurück.

Oh, darüber würde ich mich sehr freuen. Also, nicht dass du von der Lyrik ablässt, aber ich erinnere mich noch dunkel an den ein oder anderen älteren Prosatext von dir und würde gerne weitere solcher Texte lesen. :)

LG
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