Neu in München

#1
Neu in München

In letzter Zeit werde ich ja älter. Das heißt älter werde ich schon, seitdem ich ganz jung bin. Neugeboren sozusagen. Ab dem Tag, an dem eine auf die Welt kommt, wird sie älter.
Aber das ist die Wegekreuzung für eine ganz eigene Geschichte.

Die Geschichte, die mich gerade hierher getrieben hat und von der ich selber noch nicht genau weiß, wie sie sich entwickelt und ob sie das überhaupt möchte, die handelt von der Geburt der Gedanken.
Das fiel mir gerade eben so ein, als ich mit mir und mir und ansonsten den angesammelten Besitztümern zusammen saß. Und merkte, dass ich keine Lust habe, auf Musik , jetzt gerade. Dass ich allein gelassen sein möchte von Musik. Und erst recht nicht von fremdgesteuerter Musik – genannt Radio – heimgesucht werden möchte. Und auch nicht von Menschen und deren vielen Gedanken, Welten, Problemen und Freuden.

Wieviel Chancen hat ein Gedanke, der noch ganz frisch ist, sozusagen grade aus dem Ei geschlüpft oder kurz davor, wieviel Chancen hat der, geboren zu werden, wenn in dem Kopf des Menschen, wo er hineinwohnen möchte, wenn dort immer Betrieb herrscht.

Das wäre so, als wolle ein Mensch aus einem völlig fremden Kulturkreis – sagen wir mal Papua-Neuguinea – als wolle der sich zurechtfinden in München am Stachus. Und nicht nur zurechtfinden, sondern sogar gehört werden, so dass es für ihn – den Ureinwohner und für München gleich erfüllend ist, dass er angekommen ist.
Käme nun so ein Mensch aus Papua Neuguinea auf den Stachus in München ….so hat er nicht soooooviele Chancen als freier gleichbürtiger Mensch zu überleben hier in Bayern. Hätte er auch nicht in Hessen, in Niedersachsen oder in London – hat mit Bayern nicht soviel zu tun.

So . Der Mensch aus Papua Neuguinea, der würde entweder überfahren werden , oder eventuell in der Psychiatrie landen. Er würde ausgewiesen werden oder so schnell wie möglich eingedeutscht , bajuwarisiert. Vielleicht würde man ihn auch als Showobjekt zweckentfremden.
Aber – er hätte keinesfalls die Zeit und den Raum, die er zweifelsohne bräuchte, um sich in München zu akklimatisieren.
Daher ist es so schade, dass viele Menschen oft so unglaublich laut sind. Denn : Sie werden nie Besuch aus Papua-Neuguinea erhalten; im Hirn eines Menschen, wo ständig Betrieb herrscht, kommt nichts Neues mehr an.
Aus Wolkenschleiern sinken Flocken nieder und dennoch schlägt in meinem Garten leise die Nachtigall (Otomo No Yakanochi)

Die Sterne lauter ganze Noten. Der Himmel die Partitur. Der Mensch das Instrument.
(Christian Morgenstern)

Re: Neu in München

#2
Hallo Lentas,

In der Ruhe reifen die Gedanken.

Das wird in diesem Text schön dargestellt. Mir gefällt der Vergleich, der im Text, zwischen Großstadttreiben und dem oftmals gewollten oder durch Reizüberflutung ausgelösten "schwer beschäftigten" Hirnen der Menschen, gezogen wird.

In einer Welt in der es größtenteils um höher, schneller, weiter und mediale "Dauerbeschallung" geht, muss man sich immer bewusster seine Ruhephasen nehmen, wie auch immer diese für den jeweils Einzelnen aussehen mögen.

Was mir noch durch den Kopf geht: Vielleicht verpassen manche Menschen den Besuch aus Papua Neuguinea auch indirekt unabsichtlich, weil ihre ganze Aufmerksamkeit durch ihre eigene Lebenslage gefordert wird und im Kopf gerade kein Platz für Besuch ist 🤔

Auf jeden Fall gern gelesen und mit sinniert.

Liebe Grüße,
Pius
"Mut steht am Anfang des Handelns und Glück am Ende." - Demokrit

Re: Neu in München

#3
Hi Pius,

In der Ruhe reifen die Gedanken.

Ja - fraglos ist das so.
Ich dachte ja immer, dass ich selber meine Gedanken denke.
Als ich mal sehr viel Zeit hatte und dies über Monate, merkte ich, dass die Gedanken aus einer Quelle außerhalb meiner selbst kommen . Nicht alle, aber doch etliche.

In einer Welt in der es größtenteils um höher, schneller, weiter und mediale "Dauerbeschallung" geht, muss man sich immer bewusster seine Ruhephasen nehmen, wie auch immer diese für den jeweils Einzelnen aussehen mögen.

Ja. Und viele Menschen nehmen sich selten Ruhephasen ... ich glaube manchmal, die Stille macht Menschen auch oft Angst.

Was mir noch durch den Kopf geht: Vielleicht verpassen manche Menschen den Besuch aus Papua Neuguinea auch indirekt unabsichtlich, weil ihre ganze Aufmerksamkeit durch ihre eigene Lebenslage gefordert wird und im Kopf gerade kein Platz für Besuch ist 🤔

Das ist sicher so. In Zeiten, wo das Leben eineN mehr fordert, kann frau _ man weniger in den eigenen Tiefen "surfen" .

Danke fürs gerne lesen und sinnieren !

lG Lentas
Aus Wolkenschleiern sinken Flocken nieder und dennoch schlägt in meinem Garten leise die Nachtigall (Otomo No Yakanochi)

Die Sterne lauter ganze Noten. Der Himmel die Partitur. Der Mensch das Instrument.
(Christian Morgenstern)
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