König Drosselbart

#1
Schön war Prinzesschen, frech ihr Sinn.
Mit drosselschnabelkrummem Kinn
begehrte sie ein Freier zart.
Den höhnt‘ sie: „König Drosselbart!“

Da sprach ihr eigner Vater grimm:
„Genug des Spottes! Ich bestimm:
Dem nächsten Bettler, der jetzt kommt,
wirst du zur Frau gegeben – prompt!“

Gesagt, getan. Ein Spielmann kam,
der sie sogleich zur Gattin nahm.
Zu Fuß zog sie zu ihrer Schand‘
in Lumpen nun mit ihm durchs Land.

Wohin sie kamen, hieß es gleich:
„Das hier ist Drosselbartes Reich.“
Da sah sie nun, was sie verpasst
und hat sich gründlich selbst gehasst.

Sie musste harte Arbeit tun,
nie gab es Zeit, sich auszuruhn.
Auf Märkten bot sie eine Weil
den Reichen irdne Töpfe feil.

Da galoppierte ein Husar,
besoffen, wie er grade war,
durch ihr Geschirr und es zerbrach
zu Scherben alles - welche Schmach!

Ihr Mann entschied: „Geh hin zum Koch
ins Schloss, da gibt es Arbeit noch.
Es feiert Drosselbart ein Fest,
zu dem er lecker kochen lässt.“

Als sie, die Kochmagd, fettbeschmiert,
herumstand, kam daher spaziert
der König selbst, mit Gold behängt,
hat sie aufs Tanzparkett gedrängt.

Wie wurde ihr da höllisch warm
vor lauter Scham im Königsarm!
Doch Drosselbart, der sprach sie an:
„Sieh nur genau, ich bin’s, dein Mann.

Ich war der Bettler, der Husar,
ich bin’s, der immer bei dir war
und hab dich alle Zeit verehrt -
durchs Elend endlich wohl bekehrt.“

Da rief sie, „Drosselbart, wie schön
ist es, dein krummes Kinn zu sehn!“
Geläutert war ihr frecher Sinn,
sie war voll Glück und… Königin.

(aus dem Fundus)

Re: König Drosselbart

#2
Hallo gummibaum,

"Mädchen die pfeifen und Hühnern die kräh'n
denen soll man beizeiten die Hälse umdreh'n"
sagt schon ein altes Sprichwort.

Gut nachgedichtet,
wie Überheblichkeit auf ein Maß zurechtgestutzt wird,
wo sie wieder lenkbar ist.

Was uns das über das Männer- bzw. Frauenbild von anno dazumal sagen möchte,
steht auf einem andren Blatt

lG Lentas
Aus Wolkenschleiern sinken Flocken nieder und dennoch schlägt in meinem Garten leise die Nachtigall (Otomo No Yakanochi)

Die Sterne lauter ganze Noten. Der Himmel die Partitur. Der Mensch das Instrument.
(Christian Morgenstern)

Re: König Drosselbart

#4
Hallo gummibaum,

hm. Ich habe mir über den Inhalt noch keine abschließende Meinung gebildet. Bin hin- und hergerissen. Das ist n ganz schön fieser Sack, der Typ. Ich fand den Zauberlehrling damals blöd und hab darum den Handschuh gelernt. Wäre ich sie, ich würde ihm vielleicht den Handschuh ins Gesicht werfen. Aber es kommt darauf an, was der König für eine Gesinnung hat.

Cool geschrieben und gern gelesen. :D

Irregute Abendgrüße
WuI
„Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt.“ -Khalil Gibran

Stellt eure Fragen zum Forum gern direkt hier oder unter:
SandraMehr89@googlemail.com

Re: König Drosselbart

#5
Danke, liebe WuI,

es geht um Hochmut, Bestrafung, Besserung und Vergebung. Die Geschlechterrollen sind heute nicht mehr akzeptabel, wie Lentas schon andeutete. Im Handschuh fehlen Besserung und Vergebung, da ein neues (bürgerliches!) Selbstbewusstsein gezeigt werden soll (ritterlich ist das Verhalten nämlich nicht). Aber christliche Märchen enden für Held/in gut.

Liebe Grüße von gummibaum

Re: König Drosselbart

#6
Hallo gummibaum,

ich glaub, dass die Besserung im Handschuh zwar nicht textlich beschrieben ist aber Resultat der Handlung wird. Die Vergebung bliebe auch dann aber offen...

Verstehe.
Danke für die Erläuterung.
Irregute Nachtgrüße
WuI
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