Praxisbericht

#1
"Schönes Büro haben Sie hier. Schön eingerichtet. Ich mag das dunkle Laminat. Es sieht hier wohnlicher aus. Klar, mochte ich auch Ihr altes Büro - zumindest die Aussicht auf die Kirche war schön. Aber hier ist es so schön zentral. Man kann direkt rausschauen ins Geschehen und die Menschen beobachten", ich lehne mich wieder zurück aus dem Fenster des dritten Stockes und schaue mich mit einem wohligen Lächeln im Raum um.

Etwas skeptisch, wie immer wenn ich zu persönlich oder aufmerksam werde, verzieht der Doktor die Augenbrauen, aber als er anfängt zu sprechen, ist er sogleich wieder in seine Rolle ausschweifend und ich höre ihm gerne zu, einfach weil ich auf andere Gedanken kommen will. "Die Lampen fehlen noch, ich bin ja noch gar nicht fertig und es stehen überall noch Kartons rum. Das fällt zwar niemandem auf, aber mir. Ich sag dann, dass das noch gemacht werden muss und entschuldige mich dafür. Es sieht hier auch noch schrecklich aus."

Ich mustere ihn immer neugierig und voller Interesse, wenn seine Persönlichkeit in seinen Erzählungen durchblitzt. Ich mag ihn und jeden Fehler an ihm. Jede Unsicherheit, die er nach aussen hin mir gegenüber mit Fachmännlichkeit - wie kann ich es anders nennen - überspielt. Er, der er unsichere Panikpatienten wie mich therapiert, darf auf keinen Fall Unsicherheit ausstrahlen - und dennoch tut ers. Ich liebe es. Ich liebe Menschen. Und ich hasse meinen Perfektionismus.
"Möchten Sie was trinken?" - "Ja, ein Wasser! Danke!", ich bin auf Wasser umgestiegen, es geht schneller und soviel, wie ich ihm im 3-4 Wochenrhythmus erzähle, trinkt es sich auch schneller. Manchmal habe ich aber gar keine Lust zu reden. In letzter Zeit ist das oft der Fall...

"Sie haben sich toll entwickelt, Sie müssen sich nur daran gewöhnen, das war ja alles auf einmal, was da auf sie einwirkte. Wohnungswechsel, Vollzeitjob... Nutzen Sie aber auch die Zeit, runterzukommen. Meditieren Sie, tun Sie Dinge, die Ihnen gut tun, nehmen Sie sich Zeit für schöne Dinge!"

Ich hab keinen Bock... "Ich würd am liebsten weiter arbeiten nach Feierabend, ich will nicht nachhause, ich will nicht nachdenken. Ich habe auf der Arbeit keine Probleme. Die Probleme kommen erst, wenn ich heimfahre und mich mit mir selbst konfrontiere, Doktor. Ich kann nicht schlafen, Ich ballere mir den ganzen Tag Baldriantee rein, um keine Panikattacke zu kriege, bin deswegen voll unkonzentriert und übermüdet auf der Arbeit, aber dann komme ich heim und kriege kein Auge zu, ich schlafe einfach nicht. Ich liege da und habe Herzrasen und komme nicht runter. Ich komm einfach nicht mit dem Ping-Pong zwischen maximaler Leistung und Runterfahren zurecht. Ich habe nichtmal Bock etwas zu machen. ich habe auf Nichts Lust. Ich glaube, ich habe total die starken Depressionen bekommen. Ich habe Zukunftsängste, ich hasse mich, ich habe Angst zu versagen, dabei ist der Job mir scheissegal. Dennoch habe ich Angst vor Allem. Ich muss überall performen und funktionieren. Und gleichzeitig will ich diesen Job unbedingt. Er gibt mir soviel Anerkennung. Ich bekomme dort soviel Anerkennung. Ich bin regelrecht süchtig danach geworden. Als ob das meine einzige Erdung sei. Nur wenn ich nachhause komme, dann...", ich schaue ins Leere.

"Gönnen Sie sich mal Zeit für sich. Ziehen Sie sich ruhig zurück aus Konstellationen, die Ihnen nicht guttun. Sagen Sie ruhig mal ab. Momentan machen Sie es jedem Recht - nur Ihnen nicht." Nun erzählt er mir wieder irgendwelche Geschichten irgendwelcher Freundschaften, aus denen er sich guten Gewissens zurückzog. Ich kann meine Familie aber nicht in Stich lassen. Werde ich auch nicht. Egal, ob er Recht hat. Ich will es gerade nicht verstehen. Diese Sache mit dem Loslassen und so. Ich hasse Loslassen. Nein, ich will gerade nicht. Gott, wie Recht er hat. Na und? Ja, ok er hat Recht... Ich mustere ihn lieber wieder, wie er von sich erzählt und mache mir ein Bild von ihm und seinen Freunden und stelle mir vor, wieviel der Arme sich von anderen gefallen lässt, mit was für schrägen Vögeln er verkehrt und was er sonst privat tut.

Er sagte mir mal, als wir über Beziehungen und Dating sprachen, dass er nun eine Partnerin hat. Mit Kind. Ohje, Ohje. Ich kann mir denken, wie unerfüllend das in Wahrheit für ihn sein mag, er ist nämlich auch so ein kleiner Perfektionist. Ich spekuliere nur. Aber ich ahne, das wird nicht lange halten. Das passt nicht zu ihm. So eine Interimslösung. Er hat was besseres verdient. Das sagt ihm nicht nur sein eigener Narzissmus, sondern auch ich. Ich mag ihn wirklich gerne.

Wir reden über Kaffeesorten und ich verabschiede mich. Als ich wieder in den Fahrstuhl steige, fühle ich mich fast, als ob ich eine gute Tat erledigt hätte und jemand leidenden zuhörte...

Alles fühlt sich an wie eine Pflicht. Gute Tat erledigt, lieber Gott. Und nun? Wohin fahren wir? Wohin fährst Du mich? Zur Hölle? Ah, leider gibt es keinen Knopf für irgendein Untergeschoss, den ich für Dich drücken könnte, Arschloch...

Ich schlendere durch die Stadt zum Busbahnhof. Wenigstens ist mir jetzt gerade die Leistung auf der Arbeit total egal. Eingelullt in Gleichgültigkeit und mit anderen Eindrücken als sonst fahre ich heim und plane dies und das. Zuhause allerdings in meiner Routine werfe ich die Tasche auf den Boden, ziehe meine Schuhe aus, checke auf dem Klo meine Whatsapp-Nachrichten und reisse wie fast jeden Abend diese mäßig schmeckenden Salami-Sticks aus dem Aldi auf, welche ich zügig mit einem Glas Kakao in mich reinschiebe, während ich auf "Metalflirt.de" Profile von Idioten ansehe, welche mich so wenig beeindrucken, wie meine eigene Beschäftigung in dem Moment. Wann habe ich diese Salami-Sticks eigentlich satt? Ich bin doch sonst auch nicht so der Routine-Typ. Scheiss drauf - ich hieve mich in die Küche und reisse ein zweites Paket auf.

Der Fisch. Der Fisch ist son Typ...Ja, eigentlich ganz nett. Und er sah sogar gar nichtmal so schlecht aus, als wir uns trafen. Aber wie ein Psychopath interessiert er mich maximal ein Verhaltensexperiment. Ich versuche ja verzweifelt, mich zu verknallen. Er ist total solide. Hat nen soliden Job, ähnliche Interessen, ziemlich ähnlichen Musikgeschmack und ja er hat was, worin man sich verknallen könnte. Aber... da ist nix. Wieso verdammt nochmal? Die Luft ist raus oder? One Love - one Life? Komm schon, lieber Gott. Ich kann mich doch jetzt nicht niewieder verlieben, nur weil ich 3 Jahre lang einer Illusion hinterherjagte und die Liebe meines Lebens fühlte, in meiner Traumwelt bis irgendwann der Luftballon der heilen Utopie zerplatzte und das Nichts sich ausbreitete wie in Phantasien... Komm, wir machen ihm ein Kompliment. Menschen lieben Komplimente. Sie lieben Anerkennung. Gib ihm die Anerkennung, die er braucht, Mann. "Hey Fisch, na? Krieg ich ein Foto von deinem wunderschönen Gesicht? Ich kann sonst nicht einschlafen! Deine Augen sind wichtig! Schau verführerisch!"

Nach ein paar Mimimis bekomme ich das gewünschte Foto. Nach zwei Minuten ist mein Erfolgsgefühl verschwunden. Ich fühle mich leer, lieber Gott. Was sollen wir machen? Du wirst eh wieder alles ruinieren. Bevor Du es kaputt machst, wenn ich Gefühle und Abhängigkeit empfinde, zerstöre ich es selbst. "Ich hab Bock dich zärtlich zu ficken und dir dabei an den Haaren zu ziehen!" Ich warte ein paar Minuten, bis er in der Whatsapp-Vorschau den Mist gelesen haben könnte und lösche die Nachricht wieder. "Wann treffen wir uns wieder? Ich möchte für dich bei einem candlelight dinner kochen!"

Egal, welchen Schwachsinn er davon lesen würde - es passt überhaupt nicht zu der Person, die er einmal platonisch traf. Diese ruhige, introvertierte melancholisch-verträumte, eigenartige Person, die eine kühle Skepsis und Distanz ausstrahlt und gleichzeitig eine fürsorgliche Wärme und Empathie in ihren Augen hat, dass man ihr alles anvertrauen würde. Und beides ist echt. Ich weiß nicht, was es ist, was ich ausstrahle, ich müsste mal jemanden fragen, aber wer würde mir so schonungslos die Wahrheit sagen? Ich weiß nur, dass Menschen immer Erfurcht vor mir haben. Oder suche ich mir diese Menschen aus? Gut, eher zweites. Aber, nein warte, mein Chef wirkt auch so mir gegenüber. Habe ich mir den ausgesucht? Ja... Ok... Jedenfalls ist da nix. Da ist nur Kälte und Leere wo einst wenigstens Mitgefühl war. Mitgefühl gegenüber mir selbst natürlich. Ich verachte mich und deswegen sabotiere ich alles. Und wenn der Fisch nun nicht abgeschreckt ist durch meine verwegene Ansage, dann klammere ich halt. Einen kurzen Moment feiert mein eigener Narzissmus meine kühlen Arschloch-Allüren. Ich schreibe ihm weiteren Blödsinn und schließe irgendwann die Augen, nachdem keine Antwort kommt. Morgen schreibe ich ihm etwas noch krasseres. Auf krasse Sachen reagiert er immer. Wieso er mich nicht blockiert, ist mir kein Rätsel. Ich weiss, dass Menschen Anerkennung lieben... Sie macht so abhängig wie Zucker.
Grüß Gott.

Re: Praxisbericht

#2
Hallo Lügner,

erst war ich mir nicht sicher, doch nun erinnere ich mich an eine interessante Begegnung auf dem Dorfplatz. :-)

Gern gelesen. Erinnert mich im zweiten Teil an eigene Flirtapperfahrungen. Ich werd das morgen nochmal frisch und entalkoholisiert auf mich wirken lassen und dann etwas ausführlicher kommentieren.

Gern gelesen
WuI
„Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt.“ -Khalil Gibran

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Re: Praxisbericht

#3
"Ja. Ich liebte deinen Dorfplatz. Du hast Ihn mir fast schöner beschrieben als Platon sein Höhlengleichnis.
Treffen wir uns noch einmal in der Eckkneipe? Ich lad dich auf ne Milch ein. Mittags bitte! Dann ist es am lautesten!"

Lüstern grinse ich und der Zahnstocher in meinem Maul richtet sich auf. Mit zwei Fingern von der Stirn winkend verabschiede ich mich.
Grüß Gott.

Re: Praxisbericht

#4
"Doktor", fahre ich fort, "ich habe eine Frage: Wieso ist der Mensch so gepolt, dass er nur Interesse hat an Menschen, die er nicht interessiert? Ich habe jetzt eine Reihe Erfahrungen damit gemacht. Ich bin ja eh total übergeduldig und brauche für alles Jahre, auch fürs Kennenlernen. Aber wenn ich an jemandem Interesse habe, dann zeige ich demjenigen doch mein Interesse. Ich kann es nicht zum Spiel machen. Und dennoch muss ich ja mit meiner Aussage von eben zugeben, dass ich Interesse verspüre je mehr ein Mensch keins an mir hat...
Worauf ich hinaus will: Ich habe gehofft, ich entwickle Interesse an dem Fisch, wenn ich ihn dazu bringe, dass er kein Interesse an mir hat. Sogesehen müsste man doch in der Lage sein, eben doch gezielt zu steuern zu können, in wen man sich verliebt oder wen man interessant findet oder nicht?
Verzeihen Sie, ... es ist mal wieder eins meiner Experimente...
Also, ich sagte ihm tatsächlich auch, er soll kein Interesse an mir haben, wenn er will, dass ich Interesse an ihm habe. (Scheisse, jetzt gerade bemerkte ich, dass es mich tatsächlich etwas antörnt, dass er aber auch wirklich überhaupt gar kein Interesse mehr an mir hat. Du bist doch sick as fuck...). Er reagierte sogar auf diese Aussage und kommentierte es damit, dass Frauen echt schwer zu verstehen sind. Danach habe ich mehr und mehr angefangen die penetrante Schiene zu fahren.
(Meistens nervte er mich, manchmal langweilte er mich. Er reagierte immer weniger. ich glaube nicht mal, dass es an der Spielregel lag, sondern an meinem durchaus sehr interessierten Verhalten. Penetrant und kindisch. Und das, ohne vorher irgendwie intim geworden zu sein oder irgendwann langsam auf die Flirtebene gerutscht zu sein. Das Flirten kam ausschließlich von mir, total ungekonnt natürlich und unpassend, wie ich selbst fand. Zumindest bemerkte ich selbst an mir eine Affektiertheit und eine Unnatürlichkeit).

Der Doktor kratzt sich am Kopf, während er mir aufmerksam zuhört. Manchmal verzieht er die Brauen und schaut skeptisch, dann vertieft, weil er einen Gedankengang weiterspinnt. Zumindest fühlt er sich immer ein... Er öffnet eine Schublade und krost etwas Tabak aus einem Beutel. Mit seinen schlanken Fingern dreht er schnell eine Zigarette aus dem kleinen Papierchen und steckt sie sich cool in den Mundwinkel. Er steht auf und sucht ein Feuerzeug auf seinem Schreibtisch. Jetzt so, mit seinem konzentrierten und ewig skeptischen Blick gefällt er mir. Er könnte wirklich ein Alphamann sein. Zum Glück weiß er es nicht. Er wäre sicherlich ein arrogantes Arschloch geworden...

"Ich habe Streichhölzer, Doktor."

Sein Blick verfreundlicht sich als er mich ansieht, "Danke, ich hatte hier irgendwo ein Feuerzeug liegen. Fahren Sie ruhig fort!"

"Hm... manchmal denke ich, ich bin ein Psychopath. Ich berechne alles. Alles ist künstlich. Ich bin künstlich. Mein Verhalten ist künstlich. Ich tauche kurz auf, schmiere Leuten Honig um den Mund, dann verschwinde ich wieder. ich will immer meine Ruhe. Ich weiß nicht, ich manipuliere alle... Es ist alles berechnet und durchdacht von mir..."

"Ja, Sie zerdenken tatsächlich alles. Aber Sie sind kein Psychopath. Ein Psychopath ist was anderes."

"Ja, sie haben Recht..."

"Versuchen Sie, sich mehr auf Tätigkeiten zu konzentrieren und auf Sie selbst.", er setzt sich und legt die Zigarette bei Seite, "Erzwingen Sie nichts, was Sie nicht wirklich wollen. Seien Sie mehr im Hier und Jetzt, nicht in der Theorie. Sie brauchen mehr Umgang mit solchen Situationen, dann gewöhnen Sie sich wieder daran. Nutzen Sie solche Gelegenheiten einfach als Übungen."

Ja, er hat Recht. Es hat ja eh keinen Zweck. Das tue ich ja ohnehin schon. Ewig diese Verhaltensexperimente. Auch den Doc lobe ich ständig und himmle ihn an, dabei interessiert mich nichts und niemand. Der Gedanke, dass er nach Feierabend heimgeht und in Anerkennung aufblüht, ist das einzige, was mein kaltes Defätisten-Herz erwärmt. 'Wenigstens warst du heute kein Arschloch' ist das einzige, was ich zu meiner Verteidigung zu sagen habe.

"Ist eigentlich der Typ, der immer nach mir einen Termin bei Ihnen hatte noch in Behandlung bei Ihnen?"

"Wen meinen Sie?", fragt mich Dr. Stein.

"Na, son langhaariger Raudi mit schwarzem Mantel, riecht immer nach Leder und Rauch und ein bisschen nach Whiskey."

"Ich darf Ihnen darüber keine Auskunft geben." Er versucht wie immer bei sowas sachlich und überkorrekt zu bleiben.

"Verstehe.", lächle ich, "Ich sehe ja dann, ob er im Wartezimmer sitzt oder nicht, wenn er noch bei Ihnen ist."

"Ja, ganz genau.", schaut er mich ernst an.

"Gut, dann wünsche ich Ihnen einen schönen Tag, Herr Stein. Bis dann!"

"Ihnen auch, bis dann!"
Grüß Gott.

Re: Praxisbericht

#5
Hallo Lügner,

ich habe es nicht unalkoholisiert geschafft zu antworten und bin einen Tag zu spät. Das beschreibt mich eigentlich ziemlich gut. Da das Wochenende spontan ist, kann es quasi immer zu kurzfristigen Änderungen meiner Planung kommen. Es gibt ne Menge Leute, die mich kurz kennen und sagen ich bin unzuverlässig. Wer mich länger kennt bescheinigt mir eine zuverlässige aber sonderbare "Unzuverlässigkeit," die mich in ihrer Eigenart ungeachtet eines klassischen Maßstabs wieder zuverlässig macht... irgendwie so. Schwer zu erklären, muss man erlebt haben.

Der erste Teil erinnert mich, wie gesagt, an eine Flirtapperfahrung. Es ist so... ich mache Fehler wie jeder andere und davon viele. Aber meistens nur ein Mal. Ich merke mir die Fehlerwege und gehe keinen Weg zweimal, wenn ich es nicht muss. Warum nicht? Warum? Also analysierte ich männliche Verhaltensweisen und bin relativ schnell bis ins Mark angeödet von der unglaublichen und scheinbar grenzenlosen Oberflächlichkeit des menschlichen Seins. Besonders beliebt ist die Taktik des "systematischen Hinhaltens." Ob sich nicht vielleicht noch was besseres findet? Oder körperlich betontes Triebverhalten. Aber ich gehe die Profile durch und like fast keins. Ich sehe mir die Bilder an. Kaum einer lächelt, viele tragen Sonnenbrille, fast alle Bilder sind unnatürlich, kaum einer zeigt Freunde oder nutzt ein Bild, dass nicht von ihm selbst gemacht ist. Ich vergleiche die schriftlichen Angaben unterschiedlicher Profile miteinander... und seufze.

Dann schreibt mir ein Typ. Er ist offensichtlich geknickt. Erzählt mir das Typen für die App Geld bezahlen müssen, während sie für Frauen kostenlos ist. Fast niemand schreibt ihn an. Er lächelt, hat keine Brille aber tiefe dunkle Augenringe und ein ungestelltes aber gleichzeitig auch unvorteilhaftes Profilfoto. Er sagt auf die Anzahl der Männer, die diese App nutzen kommen deutlich weniger Frauen und die die ihm schreiben, sind dann nicht selten auch noch "Professionelle." Je mehr er mir schreibt, desto mehr bekomme ich Mitgefühl für ihn und er weckt meinen Mutterinstinkt. Aber ich will keine Kinder und hab genug eigene Leichen im Keller... wir sind jetzt seit über fünf Jahren befreundet. Die Leichen in seinem Keller pflegt und düngt er so regelmäßig wie andere eine Zimmerpflanze, während ich seit Jahren versuche, meinen stinkigen Saustall auszumisten. Immer wenn ich ihn sehe denke ich: Ich mag ihn, ABER... und das ABER ist so groß, dass uns nach wie vor Welten voneinander trennen.

Mittlerweile bin ich glücklicher Single und kann das nur jedem Menschen wärmstens empfehlen. ;) Man lebt ruhiger.

Gern gelesen
Irregute Nacht
WuI
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Re: Praxisbericht

#6
Sie sagt das so selbstverständlich und unbekümmert. Ich schaue ihr einfach nur beim Reden zu und unterbreche sie nicht. Sie kramt in ihrer regentonnenblauen Sport-Umhängetasche losen Tabak heraus und dreht sich eine Zigarette. Während sie das Paper anleckt und die Zigarette zudreht, schaut sie gelassen in die Ferne und zuckt mit der Schulter. "Mittlerweile bin ich glücklicher Single und kann das nur jedem Menschen wärmstens empfehlen. Man lebt ruhiger." Dann steht sie auf und geht. Ich fixiere sie immer noch ohne ein Wort gesagt zu haben, bis sie hinter Wegkreuzungen verschwindet.

Vor mir liegen mit braunem Laub vermischt Kastanienfrüchte auf der Wiese. Mit meinem Schuh befreie ich eine Kastanie aus den Resten der aufgebrochenen Schale und schiebe an mich heran. Als ich sie aufhebe, betrachte ich ihr tiefes glänzendes braun und streiche über ihre glatte Oberfläche. Dann stecke ich den kleinen Handschmeichler in die Tasche meines Cardigans und spaziere aus dem Park. Rentner, die aus Parkbänken sitzen nicken und grüßen mich. Ich grüße spießig zurück und freue mich über die Ordnung und die guten Sitten und über mein spießiges Aufreten. Endlich Beachtung und wertschätzung...

Als ich meine Karre erreiche und öffne, springt sofort mein Radio an und laut kratzt "Lazerhawk" aus den schlechten Boxen. Ok, genug rumgespießt. Ich lasse mich wie ein Sack in meine Karre fallen und fahre mit penetrantem Bass aus dem Parkplatz. Die vorbeigehenden Rentnerpaare bleiben stehen und schauen mich halb verwundert, halb empört an und der Opi vergisst wie immer den Mund dabei zu schließen. "Ganz genau", sag ich laut vor mich her, "Jetzt haben wir genug performt! Ihr Lappen..." Ich fahre wie ein Arschloch die holprigen Straßen runter in Richtung Stadtzentrum und denke als ich runterkomme nochmal über die Worte des Mädchens nach. Hm, ja, sich auf sich selbst konzentrieren... Aber ich hasse allein sein. Ich brauch ja nichtmal ne Beziehung. Aber ich hasse auch WG's... Aber wenn irgendwer so wie Mutti da wäre, einfach nur da wäre! Vielleicht mal meine Kochkünste kommentiert oder einfach nur sein leben lebt, fernsieht oder zockt, wenn ich heimkomme. Man muss sich ja nicht beachten aber lebendige Hintergrundgeräusche würden mir schon das Gefühl geben, dass ich noch in der Realität bin und alles echt ist. Nein, eine WG lehne ich trotzdem ab, die Menschen sind mir zu unhygienisch und erinnern mich immer an eine Gruppe Teenies im betreuten Wohnen. Irgendein Trottel raucht Kette und sammelt die Stümmel in einer Bierfalsche, alles voller Asche und Dreck, überall fliegt Tabak auf dem Boden rum und zig Freundesfreunde stiefelten mit Schuhen durch die Wohnung. Vielleicht könnte ich einen der Rentner im Park als Haustier halten...

Ich reisse die Tür auf und werfe meine Tasche in den Hausflur. "Zum Glück ist keiner da, hier kannst du allein sein, in deinem Käfig und nackt rumlaufen und scheisse aussehen, Mädchen." Ich zwänge mich aus Schuhen und Kleidung und gehe nackt zum Kühlschrank, wo ich noch vor offener Kühlschranktüre Milch aus der Packung saufe und mir dabei Milch auf die Brust tropft. Ich wische mir ganz unelegant die Milch von Mund und Dekolette und greife meine Salami-Sticks aus dem Nebenschrank. Damit gehe ich zu meiner Insel des Chaos; ein 160 breites Boxspringbett, bezogen für zwei und auf der Seite, wo der Bezug nicht zerknautscht ist, als ob ein Rudel Hunde es sich vier Tage am Stück dort bequem gemacht hat, knüllen sich Pralinenfolien neben ungelesenen Rechnungsbriefen. "Fick dich, lieber Gott" ächze ich, als ich mich genervt ins Bett fallen lasse. Ich greife sofort nach meinem Laptop und stalke diverse Provile von Menschen, die mich überhaupt gar nicht interessieren. Vielleicht sollte ich doch mal wieder den staubenden TV-Bildschirm anschließen oder ein Computerspiel spielen wie damals...

Ich haue 4 mal auf mein Radio, bis der Sleep-Timer auf 90 Minuten getacktet ist und höre mir sich öde wiederholende Song bei Radio BOB an.

Heute habe ich keine Lust, reflektiert zu sein, Gott. Morgen, ok? Morgen bin ich wieder fromm und unterwürfig und verstehe all die Zeichen, die du mir täglich Brot werden lässt. Aber heute nicht. Heute hasse ich die ganze Welt...

...

"Bis auf weiteres bleibt die Praxis geschlossen", lese ich auf einem lieblos aufgeklebten und handbeschriebenem DinA4, als ich nach Wochen zu meiner Sitzung möchte. Das ist aber unzuverlässig. Was stimmt bei ihm nicht? Das letzte mal war er auch unrasiert und das über Wochen. Lassen sich nun alle gehen und kommen nicht mehr klar in dieser leistungskranken Kapitalistenwelt? Bestimmt hat er Burnout. Vielleicht sollte ich Ihn therapieren...

Ich starre den Zettel an der Eingangstür an, während ich mir vorstelle oben im Büro seine Rolle zu übernehmen. Ich atme tiefer ein, weil ich plötzlich den Geruch von Leder, Zigaretten und Whiskey in der Nase rieche. Ich drehe mich nicht um, sondern nutze die Spiegelung der Glasscheibe in der Tür, um mich zu vergewissern, wer dort hinter mir steht.

"Soso", atme ich noch einmal tief ein und aus, "wir haben kein Spielzeug mehr, mein kleiner Spielgefährte, aber etwas liegt in der Luft und das ist nicht dein Cowboy-Flair, Kleiner!"

Durchaus ist er etwas klein, aber er hat enorme Ausstrahlung. Er ist so einer der Menschen, die gerade aus durch deine Augen in deine Seele blicken. Seine Augen sind mal grau, mal blau. Je nach Lichteinfall. Mal grau wie ein beständiger Fels in der Brandung. Mal blau wie die Brandung selbst... und seine großen Pupillen sind wie schwarze Löcher, die alles aufsaugen, denen nichts entkommen kann, kein Licht. Aber er hat ein magisches anziehendes Gesicht. Sein Blick hat immer etwas begeistertes an sich. Vielleicht liebe ich das so sehr an ihm. Jedenfalls freut es mich immer, wenn wir uns begegnen. Ein Frechdachs, aber kein böser Schurke.

Er schaut mich einfach an und sagt gar nichts. Manchmal frage ich mich, wieso er überhaupt herkommt. Mir kommt es immer vor, als sei er nur zum Spaß da. Oder vielleicht therapiert tatsächlich er ihn. Zumindest hat er privaten Kontakt zum Doktor. Ich will auch mit denen abhängen. Der Typ hier ist einfach zu cool.

"Was machst du jetzt?", versuche ich erneut ein Gespräch.

"Ich glaube, ich geh in die Stripbar."

"Was?! Dein Ernst?", ich mustere ihn argwöhnisch.

"Na, klar, ich muss mit dem Doc. sprechen, der ist bestimmt da. Der ist immer da, wenn er nicht weiterweiß."

Ich schaue ihm etwas ungläubig hinterher, bis er in der Menschenmenge der Innenstadt verschwindet...
Grüß Gott.

Re: Praxisbericht

#7
Ein Lügner hält sein Wort
:rofleek: : Versprechen eingelöst, ich lese geisteswirre Exkursionen. Der Doc scheint mir die einzige feste Größe im Reigen der Menschen. Der Handlungsstrang erschließt sich mir (noch) nicht. Der Knoten kann ja noch platzen.
Bin gespannt wie es weitergeht. Neben bizarren, mag ich auch deine Beschreibungen wie das 4 tagelang zerknautschte Hundebett und
verbleibe als Handschmeichler
m.c
Besser ein guter Humor, als ein bösartiger Tumor °°° m.c

"liebe die Liebe und hasse den Hass" *** Christian Bale
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