Tetris

#1
Szene 1

Johannes und Ines auf dem Klappbett in Johannes' Einzimmerwohnung. Ines sitzt auf Johannes' Schoß. Eine Kerze flackert vor ihnen auf einem der beiden Hocker vor dem Bett. Ein Kater sitzt auf dem Fensterbrett des geschlossenen Dachfensters.

Ines: Ach, Hanneschen, glaubst du, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben?
Johannes: Ich glaube gar nicht an die Zukunft. Ich glaube an den Moment. Und der ist so schön wie du.
Ines: Wie kannst du so blind sein? Sieh dich doch mal um! Du hast noch nicht mal Strom.
Johannes: Ach, bei Kerzenschein mit dir allein - nichts könnte schöner sein.
Ines: Ja. Ja, so ein romantischer Abend bei Kerzenschein - das gefällt mir ja auch. Aber was ist morgen früh?
Johannes: Morgen früh ist es wieder hell.
Ines: Du bist ein Blödmann. Willst du denn ewig in dieser Einzimmerwohnung vor dich hin leben?
Johannes: Na, ich kann ja nicht in mehr als in einem Zimmer sein. Und wenn du in einem anderen Zimmer wärst, könnte ich dir doch nicht ins Ohr flüstern.
Er flüstert ihr ins Ohr. Sie schmunzelt.
Ines: Aber du hast ja nicht mal Stühle und deine Hocker sollen Tische darstellen. Überhaupt ist bei dir alles auf dem Kopf. Wir sitzen hier doch so aufeinander.
Johannes: Ist es dir denn unangenehm, auf mir zu sitzen? Mir fallen dann auch noch schönere Dinge ein, als dir etwas ins Ohr zu flüstern.
Sie steigt von seinem Schoß und setzt sich neben ihn auf das Bett.
Ines: Mann, mit dir kann man nie ernst reden.
Johannes: Ach, die Welt ist doch schon ohne uns so ernst.
Ines: Weißt du, am Anfang habe ich deine Unbekümmertheit bewundert. Fast meinte ich, dass es weise sei, alles so auf die leichte Schulter zu nehmen. Aber wohin soll denn das führen? Ist dir mal aufgefallen, dass ich dich seit zwei Wochen durchfüttere?
Johannes: Na ja, ich muss Charly durchfüttern. Ist die Welt nicht viel sinnvoller, wenn sich jeder um jemanden kümmert?
Ines: Ich mag Charly sehr gerne. Aber das ist auch so eine Sache... Du kannst doch nicht für einen Kater sorgen, wenn du nicht für dich selbst sorgen kannst. Und es geht mir auch nicht um das Geld. Ich habe dich so gerne und es macht mir auch nichts aus, dir mit ein bisschen Geld auszuhelfen. Nur... du musst doch für dein eigenes Leben selbst Verantwortung übernehmen. Das geht doch so nicht, Johannes. Hast du denn nicht den Antrieb, irgendwohin zu gelangen?
Johannes: Ich bin doch hier und du bist bei mir. Und wenn ich woanders wäre, wäre ich lieber wieder hier.
Ines: Aber du machst doch nichts aus deinem Leben.
Johannes: Ich liebe und ich schreibe. Und was auch immer daraus wird, wird gut sein, weil ich es zu keinem Zweck tue.
Ines: Ich fürchte, du irrst dich.
Johannes: Fürchte nicht! Sonst irre ich mich noch.
Ines: Och, wie kann ein Mensch, der so klug ist, derart dumm sein? Deine Texte sind wundervoll, aber das wird niemanden interessieren.
Johannes: Dann kann ich der Welt auch nicht mehr helfen.
Ines: Ich kann das nicht mehr. Ich kann nicht länger deine Selbsttäuschung aufrechterhalten. Das tut mir nicht gut und dir am aller wenigsten. Niemandem nützt es, dass ich dich liebe. Also werde ich dich verlassen und versuchen, dich nicht mehr zu lieben. Mach's gut! Aber wach endlich auf!

Sie eilt zur Tür hinaus. Er sieht ihr, in sich zusammengesunken, nach und bleibt eine Weile auf dem Bett sitzen. Dann steht er auf und schaut aus dem Fenster. Er hält Ausschau nach ihr, doch findet sie nicht. Schließlich streichelt er Charly.

Johannes: "Sie hat recht?" Was soll das heißen?... Ich weiß selbst, dass ich träume. Aber was bleibt einem denn sonst übrig vom Leben?... Ist das denn wichtig, wer recht hat? Sie ist weg. Wenn ich recht hätte, wäre das ein schwacher Trost... Ja ja, sterben werden wir sowieso. Das ist auch nicht das Schlimmste...

Er greift zu seinem alten Gameboy aus Kindheitstagen und spielt Tetris. Egal wie viele Blöcke er verschwinden lässt - immer wieder fallen neue Blöcke vom Himmel herab. Immer schneller fallen die Blöcke, immer hastiger dreht und schiebt er sie. Immer schneller. Immer hastiger. Ein komplexes Ungetüm aus wirr zueinander liegenden Blöcken türmt sich auf. Er weiß, dass er verliert und dreht und schiebt... Määääh!
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Tetris

#2
Hallo Schmuddi,

höher, schneller, weiter. Tetris war das erste Spiel für meinen dicken grauen Gameboy mit Schwarz-weiß-bildschirm.
Ich mag die Melodie bis heute, Ohrwurm gefällig? https://www.youtube.com/watch?v=9Fv5cuYZFC0

Gern gelesen und geschmunzelt
Irregute Abendgrüße
WuI
„Bäume sind Gedichte, die die Erde in den Himmel schreibt.“ -Khalil Gibran

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SandraMehr89@googlemail.com

Re: Tetris

#3
Hallo Schmuddelkind,

eine meiner Lieblingsszenen aus Filmen ist die Schlußszene
aus "Das Leben des Brian".
Brian hängt am Kreuz und sagt sinngemäß:
Wir kommen aus dem Nichts, wir gehen ins Nichts. Was also haben wir zu verlieren? Nichts!
Dann geht die Kamera auf Ferneinstellung und mensch kann sehen,
dass außer Brian noch viele Menschen so am Kreuz hängen ...
womöglich sind es alle .

Das Kreuz als Metapher für "Die Krux", die wir hier herunten zu tragen haben ...das irdische Kleid samt allen seinen Falten, Abnähern und andren Zwistigkeiten.

Insofern ist der Darsteller aus Deiner Erzählung nur zu bewundern ...
er scheint eine Abgeklärtheit und Weisheit zu besitzen,
die Andere vllt erst gegen Ende des Lebens erreichen,
falls überhaupt.

Leider sieht seine Frau / Geliebte das ein wenig anders -
sie scheint den Notwendigkeiten des Lebens stärker verbunden zu sein.

Wir hören, dass sie mit Geld aushilft und spätestens da ...erscheint dann der leichte Sinn des Mannes in einem leicht andren Licht.

Als sie ihn verlässt , zieht er sich auf das Spiel seiner Kindheit zurück, ein Spiel, wo ein "Brocken" nach dem andren - erscheint und gefügt werden muss (Ich habe dieses Spiel persönlich immer gehasst ....es hat mich unendlich unter Druck gesetzt)
Dies vielleicht als Metapher für eine Kindheit, in der ein Zuviel an Bürde gegeben war. Was Wunder dann, dass er nun Verantwortung und Pflicht nicht nehmen mag.

Für mein Empfinden gut skizziert mit in die Tiefe spürenden Anklängen.

lG
Aus Wolkenschleiern sinken Flocken nieder und dennoch schlägt in meinem Garten leise die Nachtigall (Otomo No Yakanochi)

Die Sterne lauter ganze Noten. Der Himmel die Partitur. Der Mensch das Instrument.
(Christian Morgenstern)

Re: Tetris

#4
Liebe WuI,

danke für das Let's Play und den Musikbeitrag, der keine Sekunde zu kurz war. :mrgreen:
Bei 3:21:48 hat sich der Violinist aber, glaub ich, verspielt. ;)

Das Lied ist in Wirklichkeit jedoch überraschenderweise schöner als in der Gameboy-Version: Korobuschka

An deinem Schmunzeln habe ich mich sehr erfreut. :D


Liebe Lentas,

ich freue mich sehr darüber, dass du in deiner Analyse so sehr in die Tiefe gegangen bist. Diese Tiefe wollte ich auch gerne andeuten, sie aber nicht übermächtig werden lassen und sie durch etwas Humor abdecken.

Ich weiß noch nicht genau, wie die Geschichte weitergeht und kann daher noch nicht genau sagen, was die Tetris-Metapher wirklich bedeutet, aber deine Analyse kommt meiner Intuition recht nahe. Bzw. ist es vielleicht so ein Lebensgefühl eines gutmütigen Menschen, dem immer wieder Steine in den Weg gelegt werden und er ahnt irgendwann, dass ihm der Weg vollends verbaut ist. Aber was soll er anderes tun, als sich weiter zu bemühen und zu bemühen, bis er untergeht?

Was die Debatte "Er" vs. "Sie" angeht: da will ich mir die Frage eigentlich gar nicht stellen, wer da recht hat (wohl beide irgendwie), bin aber froh, wenn es die Leser zu dieser Frage inspiriert. Im Mittelpunkt stand aber für mich wohl, dass beide Betrachtungen durchaus nicht unsympathisch sind und man sich doch fragt, wie zwei herzensgute, einander zugewandte Menschen zu solch unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangen, dass ein gemeinsames Leben nicht mehr möglich ist. Ich schätze, in einer guten Welt, wäre "er" nicht naiv, sondern ein philosophisches Vorbild und "sie" müsste nicht über den lebensnotwendigen Pragmatismus diese Werte aus den Augen verlieren. In einer schlechten Welt aber sind diese Träumer dem Tod geweiht und ein gewisses Maß an Pragmatismus, wie sie es vorlebt, ist die einzige Option.

Wir kommen aus dem Nichts, wir gehen ins Nichts. Was also haben wir zu verlieren? Nichts!

Ist auch eines der Filmzitate, die mir besonders nachhängen. Man stelle sich mal vor: beinahe wäre es gar nicht dazu gekommen. Die ganze Schlussszene ist aus der Not geboren, weil die Pythons nicht wussten, wie sie den Film nun vernünftig zu Ende bringen sollen. Da hat Eric Idle auf die Schnelle dieses Lied geschrieben. Die anderen Pythons fanden es lächerlich, haben es aber übernommen, weil ein beschissenes Ende besser ist als gar kein Ende. Besonders schön finde ich auch, wie gegen Ende des Liedes die Unterscheidung zwischen künstlerischem Inhalt und künstlerischem Produkt aufgelöst wird, als Idle über den Film spricht: "Bernie, hab ich gesagt, du wirst das Geld nie wieder sehen." :mrgreen:

LG
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.
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