Das Glück hat mich an der Angel

#1
Im Meer der Tränen schwimmend, überlebte den letzten Sturm:
Tosende Wellen
dem Untergang geweiht
beäugten mich die Fische
zuletzt am Meeresgrund
umkreisten mich mit scharfen Zähnen und machten mir finsterste Angst.
Ich tauchte auf
und schwamm
dann
warf das Glück
seine Angel aus.
Ich erschrak leichenblass und nur der Hunger nach mehr, nach Liebe, dem Leben, ließ mich den Köder schlucken.
Denn ich spürte gar nichts,
danach hing ich fest
und das Glück
zog an
der Schnur.
Ich wehrte mich, bis die Schnur riss. Meine Gedanken kreisten
mit mir im Meer.
Das Glück gab nicht auf
und wieder biss ich mich fest.
Schon lange hatte keine Kraft mehr
und ergab mich dem Zug,
der Richtung Ufer führte. Endlich, nach langer Geduld, hatte das Glück mich.
Entfernt die Schnüre
ich atme tief
das Glück
seufzt.
Sah mir tief
in die Augen,
lächelte mich an.
Es ermahnte mich, ich solle in seiner Nähe bleiben. Erst dann begriff ich was geschah:
Ich traf das Glück
und es blieb da.

Re: Das Glück hat mich an der Angel

#2
Hallo Täubchen,

da ist dir eine schöne Metapher für das Glück gelungen. V.a. die Botschaft, dass Glück einfach so über einen kommt, ohne dass man es direkt sucht, kam gut herüber. :)
dann
warf das Glück
seine Angel aus.
Ich erschrak leichenblass und nur der Hunger nach mehr, nach Liebe, dem Leben, ließ mich den Köder schlucken.
Die Stelle fand ich besonders schön und ebenfalls stimmig in der Metaphorik untergebracht. Leidenschaft, Sehnsucht und Abenteuerlust sind es, die einem dazu verhelfen, etwas zu verändern, mutig zu sein, ein Risiko einzugehen.

LG
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Das Glück hat mich an der Angel

#3
Hallo Täubchen,

ja, das Leben und seine Protagonisten können eine mitunter in ganz schreckliche Untiefen schmeissen -- manchmal sinds wir auch selber.

Wie schön Du beschreibst, wie das LI zurück an Land gekommen ist -- mit einem Glück, das nicht locker gelassen hat.

Ich mag diese Stelle hier sehr, wo

das Glück
seufzt

- vermutlich vor Erleicherung. Dass es Dich endlich hat !!!

.... Das Glück ist ja immer direkt neben uns - so meine ich. Nur wir sind oft so blind, weil wir Schnäppchenjägerinnen sind oder in andren Angelegenheiten engagiert.

Ein wenig erinnert mich Dein Gedicht an meinen Lieblingsgedicht von Joachim Ringelnatz - kennst Du es ?

"Und auf einmal steht es neben Dir" .... wobei ...die Dynamik beim Ringelnatz eine andere ist.

LG Lentas
Wo ist der Glanz, wo das Licht in der Welt
wenn draußen das große Dunkel fällt?
Wo ist das Herz, das singt in der Nacht?
Wer hat den Funken nach Haus gebracht?
@Lentas

Re: Das Glück hat mich an der Angel

#6
Vielen Dank ihr lieben 😍...

eure Gedanken haben mich erfreut. Sie sind wie die die vielen eigenen Gedanken, die kommen, wenn man bereits an der Angel hängt und das Ufer in Sichtweite ist 😊
Liebe Lentas, das Gedicht von Ringelnatz kannte ich noch nicht. Vom Inhalt her decken sie sich. Während bei ihm von meinem Gefühl her auch mehr das Gefühl transportiert wird ( die schwere, Resignation und am Ende geschieht es , da ist das lyrische ich noch so bedröppelt, das die Energie des Glücks sich noch nicht voll entwickelt hat) habe ich darauf verzichtet und mehr auf Dramatik und Humor gesetzt. Eine der schönsten Anglergehilfen, finde ich.
Liebe sonnige Grüße von Täubchen

Re: Das Glück hat mich an der Angel

#8
Schön, wenn es so kommt, liebes Täubchen. Ein toller Einfall und ein Gedicht mit stimmungsvoller Atmosphäre.

Sehr gern gelesen und stauchend variiert
LG g

Der Gückskeks

Ich schwamm in meiner Traurigkeit
und sah kein Ufer weit und breit,
nur einen Keks, in den ich biss...
Ich hing am Haken, und schon riss
ein Angler mich aus trüber Flut
und sagte froh: "Hast du es gut!
Ich gebe dich nicht mehr zurück.
Du bleibst bei mir. Ich bin dein Glück..."
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