Zwei Briefe

#1
Tristan an Lisa
25.6.2019
Liebe Lisa,

ich will dir jetzt schreiben, auch wenn ich sehr müde bin. Um genau zu sein, will ich dir berichten, wovon ich so müde bin. Habe eine Frau kennengelernt. Nicht erschrecken! Der Satz ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn abgesehen davon, dass ich sie kennenlernte, ist nichts passiert und ich weiß auch noch nicht, ob daraus mehr wird bzw. werden sollte.

Gestern Abend fuhr ich mit der Bahn, bis sie irgendwann wegen eines Polizeieinsatzes nicht mehr weiterfahren wollte. Da sprach ich die junge, hübsche Dame an, die neben mir auf dem Bahnsteig stand, weil sie ihr Smartphone in der Hand hatte und nach Infos zum weiteren Ablauf suchte. Dachte, sie könne mir mehr sagen als das Bahnpersonal, das nur meinte: "Wir wissen nicht, wann es wieder weitergeht." Jedenfalls stellte sich heraus, dass sie Aneta heißt, aus Kasachstan kommt und nicht Deutsch sprach. Die letzten drei Jahre verbrachte sie wegen eines Filmprojekts in Berlin.

Wir kamen also auf Englisch ins Gespräch und es war wirklich ein sehr interessantes Gespräch - vielleicht mehr durch die Art, wie sie sprach und zu mir sah als durch die Themen. Zwischendurch übersetzte ich ihr die Lautsprecheransagen. Wir redeten auch, als wir wieder einstiegen und auch als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, bis wir an der Station angekommen waren, an der wir beide umsteigen mussten. Da sie Richtung Norden und ich Richtung Süden weiterfahren sollte, verabschiedeten wir uns auf dem Bahngleis, zögernd, ob wir jetzt das Gespräch einfach so ohne Weiteres beenden sollen - dabei machten wir beide vorsichtige Gesten, als wären wir zu schüchtern, einander zu umarmen - was wir letztendlich auch waren.

Als ich zu meinem Gleis ging, ärgerte ich mich, dass ich sie nicht nach ihrer Nummer gefragt habe, zweifelte aber auch, ob es sinnvoll wäre, mich so kurz nach einer gescheiterten Beziehung wieder auf etwas Neues einzulassen. Aber egal, wie ich mich entscheide - ihre Nummer zu haben, hätte nicht schaden können, auch wenn es nur darum geht, jemanden zum Quatschen zu haben. Aber vielleicht will ich doch lieber meine Ruhe? Vielleicht war es einfach nur ein interessantes Gespräch und sollte dabei bleiben? Vielleicht war aber meine Beziehung zu Elena schon viel länger tot, als ich es mir eingestehen wollte, dass ich mich von mir aus zu so einem Flirt öffnete? War es überhaupt ein Flirt? War es nicht einfach nur ein Gespräch? Vielleicht ist so ein Flirt ja auch ganz in Ordnung und nicht so schlecht für das Selbstwertgefühl, aber vielleicht wäre mehr als ein Flirt wirklich nicht gut...

Da schaute ich auf die Anzeige: All meine Züge fielen aus. Ehe ich darüber nachdenken konnte, eilte ich zum anderen Gleis, wo ich sie noch antraf - ihr Zug kam erst in neun Minuten. Wir unterhielten uns noch einige Minuten und diesmal habe ich es nicht versäumt, nach ihrer Handynummer zu fragen, die sie mir auch bereitwillig hergab. Zum Abschied umarmten wir uns. Dann ging ich zwei Stunden zu Fuß nach Hause, kam um halb vier in der Nacht an. Darüber war ich nicht unglücklich, da ich die Gelegenheit zum Nachdenken nutzen wollte, was das jetzt alles bedeutet - kam aber zu keinem Ergebnis. Habe dann etwa eine Stunde tief geschlafen und bin um fünf Uhr heute früh aufgewacht.

Eben schrieb sie mir. Ich schrieb zurück, dass ich heute recht müde bin und mich morgen melde. Jetzt habe ich eine Galgenfrist, weiß aber darüber hinaus auch nicht weiter.



28.6.2019
Ach Lisa,

du weißt, ich habe immer genügend Gründe, mir einzureden, dass ich mich schlechter fühlen sollte.
Inzwischen habe ich mich ausgeschlafen und konnte heute nach einem Bad im Fluss, klarere Gedanken fassen. Habe sie also angerufen. War ziemlich nervös, da es ewig her ist, dass ich eine Frau wegen eines Dates gefragt habe und ich glaube, ich kam recht unbeholfen herüber. Naja, sie meinte, dass sie in nächster Zeit viel zu tun habe und sich melde, wenn sie Zeit findet. Ich habe beschlossen, das positiv zu sehen.


30.6.2019
Weil es genügend Gründe gäbe, es negativ zu sehen. Und nein, sie hat noch nicht geantwortet. Vielleicht war sie sich selbst noch nicht im Klaren und wollte die Kontrolle über die Situation übernehmen, um das Tempo vorzugeben bzw. um mich loszuwerden. Jedenfalls bleibt mir nichts anderes übrig, als nach diesen Regeln zu spielen. Werde sie weiterhin nicht anrufen.


5.7.2019
Liebe Lisa,

nein, sie hat sich noch immer nicht gemeldet. Nun gut, dann scheint ihr doch nicht so viel daran gelegen zu sein. Natürlich freue ich mich nicht darüber, aber das muss ich akzeptieren. Niemand ist dazu verpflichtet, mit mir Zeit zu verbringen, nur weil wir ein paar Worte in der Bahn ausgetauscht haben.


15.7.2019
Liebe Lisa,

schon seit Tagen habe ich nicht mehr an Aneta gedacht und mit einem Mal füllt sie heute dieses ganze Vakuum aus: Sie entschuldigte sich, dass sie sich so lange nicht gemeldet habe und schlug vor, dass wir uns zum Picknick treffen. Es war seltsam für mich, mich darauf einzulassen, nachdem ich diese ganze Begegnung schon fast für eine Illusion hielt. Aber im Grunde zeugt das doch von Größe, sich zu entschuldigen und es war auch hinreißend, dass sie mich nicht vergessen hat, während ich schon nicht mehr an sie dachte. Um es kurz zu machen: Am Mittwoch Abend sind wir im Park verabredet.

18.7.2019
Lisa!!!

Ich komme gerade nach Hause vom besten ersten Date in der Geschichte der Dates. Habe mich mit Aneta getroffen. Wir waren von 18 Uhr bis Mitternacht im Park und lagen am See, redeten und tranken Wein, nur unterbrochen, da wir zwischendurch einen Supermarkt aufsuchten, um neuen Wein zu besorgen. Sie ist... ein Wasserfall an Ideen. Wenn ich ihr zuhöre, verstummt jedes Begehr, mich selbst mitzuteilen. Und wie oft nahm ich doch mit den wenigen Worten, die ich einwarf, vorweg, was sie sagen wollte? Z.B. als sie über ihre Indien-Reise berichtete und ich meinte: "Du warst nicht zufällig auch im Amma-Ashram?" Da war ich nämlich und habe mich dort sehr wohl gefühlt. Es stellte sich heraus, dass sie dort drei Monate verbrachte und nie jemanden kennenlernte, der einen Bezug dazu hat.

Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr sie mir aus der Seele spricht; ich kann es jedenfalls nicht zusammenhängend darstellen. Sie wollte in der Schule tatsächlich deutsch lernen, um Goethe zu verstehen. Und ich redete über Werther und sie über Bulgakow. Ich schlug ihr vor, ihr den Werther auf deutsch vorzulesen und mein Bestes zu tun, es sogleich auf englisch zu übersetzen und sie empfahl mir Werke Bulgakows, die ich auf jeden Fall lesen werde. Übrigens hat sie Design studiert und will einige meiner Geschichten illustrieren. Das klingt jetzt wie eine professionelle Kollaboration, aber es ist doch der Gleichklang zweier Künstlerseelen, die sich auf einer Picknickdecke zusammengefunden haben. Im Strom ihrer Gedanken ging eine herrliche Idee in die nächste über. Es war, als bewunderte ich ein Feuerwerk.

Und sie ist über alle Maßen lustig. Mit Recht kann ich behaupten, dass ich selten so viel von einem Gespräch gelernt habe (über Kasachstan, Bulgakow, Gaudi und Unzähliges mehr), aber am meisten bleibt unser Lachen mir in Erinnerung, wovon mir noch immer ein Lächeln geblieben ist. Ich bin die reinste Freude! Und vertraut habe ich ihr in überraschendem Ausmaß. Einiges habe ich ihr erzählt, das ich für eine erste Begegnung als zu intim betrachtet hatte.

Mit einem Wort: Ich will sie wiedersehen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich ihr noch bis morgen früh zugehört. Aber als nurmehr der Vollmond noch Licht auf den See warf, fiel ihr ein, dass sie morgen früh raus müsse.

Nie hätte ich geahnt, dass diese Begegnung so außergewöhnlich werden würde. Wir haben ins Auge gefasst, dass wir uns demnächst wieder treffen wollen, ohne jedoch einen Termin auszumachen. Hoffe, es geht von nun an etwas schneller, denn sonst sind bald die Ferien vorbei und dann habe ich wieder kaum Zeit. Jedenfalls haben wir uns beim Abschied, als der Zug angerollt kam, so lange wie möglich, und zärtlicher als zuvor, umarmt.

Ich wünsche dir eine gute Nacht.
Zuletzt geändert von Schmuddelkind am 19 Sep 2019, 15:01, insgesamt 4-mal geändert.
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Re: Zwei Briefe

#2
Hallo Schmuddelkind
deine Briefe haben mit wirklich mitgenommen. Im Alltäglichen einer schönen, fremden Frau zu begegnen, Interesse und gegenseitige Neugier erleben zu dürfen mit der Aussicht auf mehr Lebendiges, Zuneigung, Liebe - vielleicht - sogar eine Liebesnacht....

Eine Kurzgeschichte, die meiner Ansicht nach lasziv, schlicht, einfach und ruhig geschrieben ist. Alles ist nachvollziehbar und in der Schreib- Handlungsform sehr harmonisch

Was war der Auslöser für diese Briefe, Ehrlichkeit gegenüber Lisa?
Warst du stolz, auf die Gelegenheit fremd zu gehen, verzichtet zu haben?
Bereust du es heute diese Frau nicht geliebt zu haben?
Wolltest du Lisas Gefühle nicht verletzen?

Ich begegnete in Glasgow, nach der schönsten Motorradfahrt meines Lebens über die Highlands, einer wunderbaren Frau. Auch deshalb mitgenommen und mit vielen Fragen an dich,

berührt
gruß m.c
Besser ein guter Humor, als ein bösartiger Tumor °°° m.c

"liebe die Liebe und hasse den Hass" *** Christian Bale

Re: Zwei Briefe

#3
Hallo Schmuddelkind und mont claire,

auch ich habe diese Briefe schon mehrmals gelesen und ebenfalls, wie bei mont claire, ließen sie mich mit allerhand Fragen zurück.

Ich finde sie sehr schön geschrieben, da ich mich gut in die beschriebene Gegebenheit hineinversetzt fühle. Außerdem mag ich es generell etwaige Tagebucheinträge oder Briefwechsel zu lesen. Irgendwie haben sie für mich etwas Lebendiges an sich, was mich auf seine Weise fesselt.
mont claire hat geschrieben: Warst du stolz, auf die Gelegenheit fremd zu gehen, verzichtet zu haben?
Schmuddelkind hat geschrieben: zweifelte aber auch, ob es sinnvoll wäre, mich so kurz nach einer gescheiterten Beziehung wieder auf etwas Neues einzulassen.
Schmuddelkind hat geschrieben: Vielleicht war aber meine Beziehung zu Elena schon viel länger tot, als ich es mir eingestehen wollte,
Diesbezüglich bin ich z.B auch etwas verwirrt, ist das LI jetzt Single oder in einer Beziehung, die es aber schon als beendet ansieht, da aus seiner Sicht gescheitert?
mont claire hat geschrieben:Wolltest du Lisas Gefühle nicht verletzen?
Ist Lisa "nur" eine Brieffreundin? Denn die Frau aus der Beziehung ist Elena??

Was mir ausgesprochen gut gefällt ist diese Passage hier. Man fährt förmlich im Gedankenkarusell des LI mit, welches die Situation einzuordnen versucht und spürt seine aufkommenden ambivalenten Gefühle.
Schmuddelkind hat geschrieben:
Als ich zu meinem Gleis ging, ärgerte ich mich, dass ich sie nicht nach ihrer Nummer gefragt habe, zweifelte aber auch, ob es sinnvoll wäre, mich so kurz nach einer gescheiterten Beziehung wieder auf etwas Neues einzulassen. Aber egal, wie ich mich entscheide - ihre Nummer zu haben, hätte nicht schaden können, auch wenn es nur darum geht, jemanden zum Quatschen zu haben. Aber vielleicht will ich doch lieber meine Ruhe? Vielleicht war es einfach nur ein interessantes Gespräch und sollte dabei bleiben? Vielleicht war aber meine Beziehung zu Elena schon viel länger tot, als ich es mir eingestehen wollte, dass ich mich von mir aus zu so einem Flirt öffnete? War es überhaupt ein Flirt? War es nicht einfach nur ein Gespräch? Vielleicht ist so ein Flirt ja auch ganz in Ordnung und nicht so schlecht für das Selbstwertgefühl, aber vielleicht wäre mehr als ein Flirt wirklich nicht gut...
Hier weiß ich nicht so recht, wie ich das einordnen soll :think:
Schmuddelkind hat geschrieben: Wir setzten uns an das Ufer und hielten die Füße ins Wasser. Stille kehrte ein. Mein Blick glitt langsam von ihren Füßen das bunt gemusterte Kleid herauf zu ihren Augen, die verträumt zum anderen Ufer blickten, bis sie meinen Blick bemerkte und sich zu mir umdrehte. Sie schaute mir in die Augen. Eine ganze Weile lang. Oder gar noch länger. Es gibt kein besseres Wort: Ich war glücklich. So glücklich wie einst mit Elena. Ich dachte an sie, wie wir in diesem Park unsere schönsten Stunden verbrachten, wie sie ihren Kopf auf meine Brust legte und ich ihr die ganze Welt anvertratut hätte.

Da stand ich auf und sagte: "I have to go now." Mit fragendem Blick sah sie zu mir herauf. Ich schwieg, weil ich sie nicht belügen wollte und ging also nach Hause.
Warum verlässt das LI die Situation? Weil es auf Grund dessen, dass es sich mit der jungen Frau am selben Ort befindet, wie einst mit Elena an diese und die Zeit mit ihr erinnert wird und Vergleiche zieht?
Das es deshalb denkt, er wäre noch nicht über Sie hinweg? Weil es sich noch mit Elena in einer Beziehung befindet?
Außerdem ist ja auch noch nicht wirklich geklärt worauf das Verhältnis zwischen dem LI und der jungen Frau hinauslaufen sollte? Und warum ihr nicht die Wahrheit anvertrauen und sie selbst entscheiden lassen?

Also auch ich habe irgendwie Fragen über Fragen :buff:

Liebe Grüße,
Pius
"Mut steht am Anfang des Handelns und Glück am Ende." - Demokrit

Re: Zwei Briefe

#4
Vielen lieben Dank für eure ausführlichen Kommentare. :)

Freut mich sehr, dass der Text sprachlich gut rüberkommt.

Vorab vielleicht zu der Verwirrung, was den Inhalt angeht. Ich habe mir das so vorgestellt, dass der Protagonist erst seit Kurzem nach einer Beziehung wieder allein ist. Da ist er nun Single und hat natürlich das Recht, zu tun und zu lassen, was er will. Aber dann merkt er, dass er emotional doch noch gebunden ist und die aufregenden Glücksmomente erinnern ihn an seine große Liebe, weswegen er sie nicht weiter zulassen kann. Daher am Ende also der Abbruch des Annäherns. Ich schätze, das habe ich im Text nicht deutlich genug erklärt (oder vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass es etwas undeutlich ist?).

Mir ging es dabei v.a. darum, zwei Briefe spiegelbildlich aufzubauen. Im ersten Brief folgt auf die aufgebaute Enttäuschung bzw. das Bedauerns über die eigene Untätigkeit unerwartet eine Chance auf näheres Kennenlernen. Im zweiten Brief ist es umgekehrt. Die Erwartung eines Schritts hin, die Restdistanz zu überbrücken, baut sich auf und wird am Ende doch unvermittelt gebrochen.

Was war der Auslöser für diese Briefe, Ehrlichkeit gegenüber Lisa?
Warst du stolz, auf die Gelegenheit fremd zu gehen, verzichtet zu haben?
Bereust du es heute diese Frau nicht geliebt zu haben?
Wolltest du Lisas Gefühle nicht verletzen?

Diese Fragen müsstest du dem Ich-Erzähler stellen. Ich weiß nicht, inwieweit ich befugt bin, sie an seiner Statt zu beantworten. Aber wie gesagt: Untreue war eigentlich nicht das Thema - zumindest nicht so von mir beabsichtigt.

Ist Lisa "nur" eine Brieffreundin? Denn die Frau aus der Beziehung ist Elena??

Ja.

Was mir ausgesprochen gut gefällt ist diese Passage hier. Man fährt förmlich im Gedankenkarusell des LI mit, welches die Situation einzuordnen versucht und spürt seine aufkommenden ambivalenten Gefühle.

Cool! Diesen Effekt sollte es auch erzeugen. Freut mich, dass mir das offenbar gelungen ist. :)

Außerdem mag ich es generell etwaige Tagebucheinträge oder Briefwechsel zu lesen. Irgendwie haben sie für mich etwas Lebendiges an sich, was mich auf seine Weise fesselt.

Ja, das stimmt. Sie erzeugen die Illusion von Authentizität. Daher zieht mich diese literarische Form auch immer wieder an. Schreibe sehr gerne in Briefen und Tagebucheinträgen, um den Leser ganz in die Gedanken- und Gefühlswelt des Protagonisten hineinzuziehen.

LG
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Re: Zwei Briefe

#5
Schmuddelkind hat geschrieben: Vorab vielleicht zu der Verwirrung, was den Inhalt angeht. Ich habe mir das so vorgestellt, dass der Protagonist erst seit Kurzem nach einer Beziehung wieder allein ist. Da ist er nun Single und hat natürlich das Recht, zu tun und zu lassen, was er will. Aber dann merkt er, dass er emotional doch noch gebunden ist und die aufregenden Glücksmomente erinnern ihn an seine große Liebe, weswegen er sie nicht weiter zulassen kann. Daher am Ende also der Abbruch des Annäherns. Ich schätze, das habe ich im Text nicht deutlich genug erklärt (oder vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass es etwas undeutlich ist?).
Also für mein Textverständnis finde ich es besser, dass du darauf nochmal eingegangen bist. Es ist schon etwas anderes sich tatsächlich noch in einer Beziehung zu befinden oder "nur" noch emotional gebunden zu sein, auch wenn die Konseqenz für das LI eventuell dieselbe wäre.
Schmuddelkind hat geschrieben: Diese Fragen müsstest du dem Ich-Erzähler stellen. Ich weiß nicht, inwieweit ich befugt bin, sie an seiner Statt zu beantworten.
Gibt es denn einen realen Ich-Erzähler? Wenn ja vielleicht kannst du die Fragen von mont claire und mir an ihn herantragen? :think:
Ich würde mich auf jeden Fall gern mit dem Ich-erzähler unterhalten, um Wissen aus seinen Erfahrungen zu schöpfen.

Liebe Grüße,
Pius
"Mut steht am Anfang des Handelns und Glück am Ende." - Demokrit

Re: Zwei Briefe

#6
Also für mein Textverständnis finde ich es besser, dass du darauf nochmal eingegangen bist. Es ist schon etwas anderes sich tatsächlich noch in einer Beziehung zu befinden oder "nur" noch emotional gebunden zu sein, auch wenn die Konseqenz für das LI eventuell dieselbe wäre.

OK. Ich überlege noch mal, den Text dahingehend zu überarbeiten...

Gibt es denn einen realen Ich-Erzähler?

Nein. Der ist leider fiktiv.
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Re: Zwei Briefe

#8
ich bleibe mit der Antwort oder Erkenntnis zurück;

verpasste Chancen bewahren ihr Geheimnis
...........................

grüß Euch
Besser ein guter Humor, als ein bösartiger Tumor °°° m.c

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Re: Zwei Briefe

#9
Ich habe nun den Text sehr stark abgeändert und werde noch einige weitere Briefe nachreichen. Tut mir sehr leid, dass dadurch manche eurer Kommentare nun ins Leere gehen. Das mache ich auch sonst nie. Aber hier hatte ich das starke Gefühl, ich könnte mehr aus dem Text machen und musste dazu eine andere Richtung einschlagen.

Hoffe, dass ich später noch ein paar weitere Briefe posten werde...
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Re: Zwei Briefe

#10
Hallo Schmuddelkind,

ich habe deine Abänderung des Textes gelesen, welche mir im Gesamtbild ebenfalls gut gefällt.

Womit ich mich noch nicht recht anfreunden kann ist der Kontrast zwischen:

einigen Sätze, die durch das Fehlen des Subjekts ( ist doch das Subjekt oder :shifty: ), etwas telegrammartig wirken:
Schmuddelkind hat geschrieben:Habe sie also angerufen.
Schmuddelkind hat geschrieben:Werde sie weiterhin nicht anrufen.
Schmuddelkind hat geschrieben:War ziemlich nervös,

Wohingegen andere Teststellen vom Ausdruck her eher gehoben und klangvoll sind:
Schmuddelkind hat geschrieben: Aber als nurmehr der Vollmond noch Licht auf den See warf,
Schmuddelkind hat geschrieben: Das klingt jetzt wie eine professionelle Kollaboration, aber es ist doch der Gleichklang zweier Künstlerseelen, die sich auf einer Picknickdecke zusammengefunden haben.


Nun stellt sich jedenfalls die Situation komplett anders dar und ich bin gespannt wie es zwischen Tristan und Aneta weiter geht ;-)

Liebe Grüße,
Pius
"Mut steht am Anfang des Handelns und Glück am Ende." - Demokrit

Re: Zwei Briefe

#11
Vielen Dank für deine rasche und ausgewogene Reaktion, lieber Pius. :)

Was die Sprache angeht: Sonst mache ich das nicht so, dass ich in literarischen Texten das Subjekt weglasse. Und ich kann allemal verstehen, wenn das störend wirkt. Ich hätte mir auch überhaupt mehr Zeit für die sprachliche Ausgestaltung lassen sollen, schätze ich. Ganz zufrieden bin ich, was das angeht, noch nicht. Aber diese umgangssprachlichen Ungenauigkeiten sollten hier zum Einen die Lockerheit in der freundschaftlichen Beziehung zwischen Tristan und Lisa unterstreichen. Zum Anderen wollte ich im Kontrast zu den gehobeneren Stellen, wenn er so verliebt zu sein scheint, verdeutlichen, wie sehr sich Tristan von seiner momentanen Stimmung leiten lässt (und dass sich der Sprachgebrauch der Stimmung anpasst ist etwas, das ich von mir kenne). Auch denke ich, dass damit seine mentale Zerrissenheit reflektiert wird, die später in der Geschichte noch eine Rolle spielen wird.

und ich bin gespannt wie es zwischen Tristan und Aneta weiter geht

Dann sollst du nicht lange warten müssen. ;)

LG
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Re: Zwei Briefe

#12
22.7.2019
Ach Lisa,

deine mahnenden Worte bringen mich zum Schmunzeln. Dass ich mich an dem Feuerwerk verbrennen könnte, glaube ich zumindest nicht und wenn doch, wäre es das wert. Habe sie inzwischen auch nach einem weiteren Treffen gefragt. Bisher hat sie noch nicht geantwortet. Habe mir "Meister und Margarita" von Bulgakow besorgt. Die ersten drei Kapitel sind gut geschrieben und erschreckenderweise erkenne ich mich in jeder einzelnen Figur wieder, obwohl sie alle so unterschiedlich sind.


1.8..2019
Nein Lisa,

leider habe ich noch immer nichts von ihr gehört, obwohl ich ihr bereits einige Male schrieb. Jedesmal habe ich Angst, sie zu belästigen. Aber warum? Ich kann mir doch nicht eingebildet haben, dass wir einen schönen Abend hatten. Mir bleibt nichts anderes zu tun, als Bulgakow zu lesen. Anrufen sollte ich sie wohl tatsächlich nicht mehr.


6.8..2019
Liebe Lisa,

vielleicht hast du recht. Vielleicht hat sie wirklich gerade zu tun. Vielleicht redest du mir die Welt aber auch gerade schön. Die Welt an sich ist doch eigentlich eine ganz triviale Sache und doch erscheint sie mir manchmal wie eine Hexe, die bei Lichte wunderschön aussieht und wenn ich mich ihr nähere und ihr Gesicht in meinem Schatten sehe, schaudert sie mich.

Aneta erinnert mich an den Magier aus "Meister und Margarita", der all die Gewissheiten der klugen Menschen um ihn herum zum Einsturz bringt, der sie zwingt, der Magie nachzueilen, an die sie nicht glauben, während er auf magische Weise verschwindet und sie alle um ihren Verstand oder ihren Kopf bringt.


11.8..2019
Liebe Lisa,

wie schade, dass du unserer kleinen Gesellschaft nicht beiwohnen konntest. Mir hat es jedenfalls gut getan, zwei Tage unter Menschen zu verbringen und meinen Gedanken zu entfliehen. Wir waren eine fröhliche Runde, haben viel gelacht und gesungen. Ich wünschte, du hättest dabei sein können! Hatte gestern den ganzen Abend über keinen einzigen Gedanken an Aneta übrig.

Allerings fehlen mir die Erinnerungen ab etwa Mitternacht, als wäre das Gitarrenspiel und Singen in mein Erwachen übergegangen. Und doch ist mir fast, als hätte ich gestern Nacht mit ihr telefoniert. Heute früh bin ich mit unerklärlicher Melancholie aufgewacht und versuche mir mein Gespräch mit ihr vorzustellen, ins Gedächtnis zu rufen, zusammenzuspinnen, als würde es keinen Unterschied machen. In meiner Anrufliste ist sie nicht verzeichnet. Aber ob mich das wirklich überzeugen soll?


18.8..2019
Heute Mittag ist sie mir begegnet - in Form einer schwarzen Katze. Aus dem Nichts tauchte sie vor meinen Füßen auf, umschweifte meine Beine, rieb ihren Kopf mit zusammengekniffenen Augen gegen mein Knie. Ich zögerte, ehe ich mich zu ihr herabbeugte und sie streichelte. Plötzlich huschte sie weg, sprang über die Mauer im Hinterhof und war nicht mehr zu sehen.


22.8..2019
Ob das nur eine Metapher war? Sind Metaphern nicht ehrlicher als Beschreibungen?


8.9..2019
Lisa,

unter der Woche entedeckte ich meinen Namen in unserem Park in einen Baum geschnitzt. Heute war er weg. Nicht nur der Name - der ganze Baum! Nicht gefällt. Nein! Einfach verschwunden.


20.9..2019
Heute ließ ich die Arbeit ausfallen. Stattdessen ging ich in den Wald zum Pilze-Sammeln. Einen herrlichen, großen Parasolpilz sah ich und als ich zu ihm ging und ihn gerade berührte, sackte er in sich zusammen. Nun verstehe ich es: Ich bin derjenige, der das Unglück in die Welt bringt. Ich dachte die ganze Zeit, das wäre Aneta. Aber sie ist die Heldin und ich der unfreiwillige Bösewicht. Ich will die Welt nicht länger vergiften. Leb wohl in einer besseren Welt!
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Re: Zwei Briefe

#13
Ach und wo ich vorhin noch so positiv gestimmt war, ob der möglichen Entwicklungen zwischen Trsitan und Aneta, muss ich nun diesen sehnsuchtsvollen und für mich zum Ende hin etwas verwirrenden Briefwechsel lesen.

btw: So langsam komme auch ich nicht umhin, die Liebe oder das Verliebtsein als biochemische Droge zu verstehen. Zumindest ähneln sich die Anzeichen zum "klassischen" Drogen-Konsum sehr :think:

Schmuddelkind hat geschrieben: Was die Sprache angeht: Sonst mache ich das nicht so, dass ich in literarischen Texten das Subjekt weglasse. Und ich kann allemal verstehen, wenn das störend wirkt. Ich hätte mir auch überhaupt mehr Zeit für die sprachliche Ausgestaltung lassen sollen, schätze ich. Ganz zufrieden bin ich, was das angeht, noch nicht. Aber diese umgangssprachlichen Ungenauigkeiten sollten hier zum Einen die Lockerheit in der freundschaftlichen Beziehung zwischen Tristan und Lisa unterstreichen. Zum Anderen wollte ich im Kontrast zu den gehobeneren Stellen, wenn er so verliebt zu sein scheint, verdeutlichen, wie sehr sich Tristan von seiner momentanen Stimmung leiten lässt (und dass sich der Sprachgebrauch der Stimmung anpasst ist etwas, das ich von mir kenne). Auch denke ich, dass damit seine mentale Zerrissenheit reflektiert wird, die später in der Geschichte noch eine Rolle spielen wird.

Danke für Erläuterung. So gesehen, finde ich den Kontrast durchaus passend. Verliebte neigen sehr häufig dazu ihr Gefühlsleben und den oder die Angebetete(n) zu idealisieren und/oder zu glorifizieren, weshalb von der Rosaroten Brille gesprochen wird. Dies äußert sich natürlich auch im sprachlichen Ausdruck bzw. in der Wortwahl, von daher eine sehr schöne Idee :-)


Liebe Grüße,
Pius
"Mut steht am Anfang des Handelns und Glück am Ende." - Demokrit

Re: Zwei Briefe

#14
danke für die vielen zeichen in deinem letzten briefwechsel.

ich bin gespannt, wie oder ob es weitergeht...

wir verzerren uns verliebt ein bild von einem menschen. und in erinnerung verzerren wir auch noch dieses verzerrte bild. alles so sehr verzerrt wie ein gemaltes kunstwerk. ein bild, ein ideal so schön, dass die wahrheit so ernüchternd wäre, dass man sie gar nicht braucht...

ruf sie lieber nicht mehr an.
Grüß Gott.

Re: Zwei Briefe

#16
Aneta an Maya
27.6.2019
Hey Maya,

thanks for the invitation. I really hope, I can come, but I'm quite busy at the moment. How are you?
Well, to be honest, I'm a little confused at the moment. I met this guy. Nothing serious - well, actually he's quite cute, his long, blonde hair signaling some sense of freedom. Nevertheless he seemed a bit shy, although he addressed me at the trainstation. But during our ride he didn't really talk much. What he said, was quite interesting though.

I don't know, he seems to be a little lost, like someone who just stumbled into existence. We had to part finally and he just stood there, waiting for... I don't know. So, I said goodbye. When I was waiting for the next train, he suddenly showed up again, continuing the conversation like it was normal. Then he asked for my phone number. I didn't bother to say no, so I gave it to him. But it felt weird. His shyness combined with this bold move. Something didn't fit together. He didn't fit togehter.

So far, I'm not sure what to make out of this. Certainly he's a freak. But one of the interesting ones or one of the creepy ones?


30.6.2019
He said, he was an author. But he stressed the fact that he's an unsuccesful author. That was kind of funny, I must say. He seems to have a mysterious sense of humour, I feel pretty attracted to, but he is also a strange guy.

Meanwhile he asked me out. And again, being that bold and that shy at the same time... I don't really know how to react, so I talk a lot. The way he talked - I imagine him talking to me without looking into my eyes.

So I decided to tell him that I'm quite busy at the moment to buy some time, which by the way isn't so far from the truth. But the way I look at it, I don't really see any chance for us.


8.7.2019
Well, I don't really see any common ground for us. And I know, the purpose of a date is to see if there is such a common ground and yes, I hardly know him. But I mean, it really doesn't feel as though he could be anything more than amusing to me. And I don't want to hurt him. He seems so sad and lost and I'm not sure how he will react to a rejection after a date. You know I have met some men who really threw a fit.


14.7.2019
Hey Maya,

thank you for the nice evening yesterday! It was a wonderful party. And it was so good talking to you again.
Maybe you're right. Maybe I'm preoccupied with the past. I think I should give new people a chance. I think I should give him a chance. You never know what might happen if you're not determined to find out.


24.7.2019
Maya,

I tried to give it a chance. I've even been staying with him for six hours, so I'm not tempted to end things too early. He was nice and brought a blanket and some wine but most of the time he said hardly anything at all. He just sat there and stared at me. So I talked even more. There were some occasions when he seemed overwhelmed by what I said, apparently because he overestimated the meaning of some phrases, e.g. when it turned out that we were incidently at the same place on vacation. But then again he turned silent and expected me to... I don't know... entertain him?

Before my train arrived he hugged me way too long. At the end he wanted to know whether we meet again. As I didn't dare to say no, I agreed. But I've really been in unease with that prospect. First I was even inclined to give him a second chance because I know I tend to be too impatient. But then he sent me messages and phoned me over and over. That was too demanding for me. I just couldn't cope with that situation and decided it would be best not to answer him again.
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Zwei Briefe

#17
die letzten drei sätze beenden die spannende story zu abrupt.

was ist wirklich in deinen kopf vor sich gegangen? da war etwas explizites, was du an ihm creepy gefunden haben musst, lisa.

versuch dich zu erinnern.

es ist immer ein detail, ein gefühl, ein bild, das fasziniert oder abschreckt wenn wir uns ein bild von jemandem machen. ich bin mir sicher, mindestens im unterbewusstsein weisst dus.

beschreib es mir.
Grüß Gott.

Re: Zwei Briefe

#18
was ist wirklich in deinen kopf vor sich gegangen? da war etwas explizites, was du an ihm creepy gefunden haben musst, lisa.

lisa findet tristan nicht creepy, denn sie ist seine brieffreundin. du meintest sicher aneta.

vielleicht findet tristan sich selbst ein wenig creepy. vielleicht hat er auf irgendeine weise dieses eigene selbstbild auf aneta gespiegelt. aber creepy ist er nicht, sondern lediglich verknallt. lisa weiß das. aneta nicht, weil sie sich die zeit nicht nehmen wollte, tiefer zu schauen.

soweit mein gedankengang zu den briefen. :)

lg
grashüpfer
Zuletzt geändert von grashüpfer am 21 Sep 2019, 08:13, insgesamt 1-mal geändert.

Re: Zwei Briefe

#20
Hallo und vielen Dank für die Kommentare, ihr Lieben. :)

btw: So langsam komme auch ich nicht umhin, die Liebe oder das Verliebtsein als biochemische Droge zu verstehen. Zumindest ähneln sich die Anzeichen zum "klassischen" Drogen-Konsum sehr

Definitiv: wundervoll bewusstseinserweiternd, aber auch blendend mit Suchtpotential und es kann einen in den Wahnsinn treiben.

wir verzerren uns verliebt ein bild von einem menschen. und in erinnerung verzerren wir auch noch dieses verzerrte bild. alles so sehr verzerrt wie ein gemaltes kunstwerk. ein bild, ein ideal so schön, dass die wahrheit so ernüchternd wäre, dass man sie gar nicht braucht...

Sehr richtig und so ist es auch Tristan ergangen. Da die Wahrheit unbrauchbar wäre, habe ich sie hier auch nicht geschrieben und mich lieber mit dem Zerrbild Anetas beholfen. Zwei Täuschungen ergeben manchmal zumindest eine halbe Wahrheit.

die letzten drei sätze beenden die spannende story zu abrupt.

Ich denke, du hast irgendwie recht. Also, eigentlich ist die Story ja schon zu Ende. Anetas Briefe stellen ja eher so etwas wie einen Epilog dar; sie versuchen, neues Licht auf die Sache zu werfen. Da muss nicht mehr unbedingt so sehr auf einen Spannungsbogen geachtet werden, weil die Handlung ja schon bekannt ist. Aber irgendwie sind die letzten Sätze tatsächlich ein wenig lusch.

was ist wirklich in deinen kopf vor sich gegangen? da war etwas explizites, was du an ihm creepy gefunden haben musst, lisa.

Ich dachte eigentlich, dass Aneta genügend Beispiele dafür gegeben hat: die Unstimmigkeit zwischen seiner forschen Vorstößen und seiner zurückhaltenden Art, seine Mimik und Gestik, die Tatsache, dass er sie zu lange umarmt hat, dass er sie nach dem Treffen aus ihrer Sicht bedrängt hat. All diese Dinge sind natürlich keine objektiven Wahrheiten, sondern eingebettet in ihre Interpretation seines Verhaltens. In seinen Briefen bekommen wir ja einen anderen Deutungsvorschlag an die Hand; auch dies ist nicht die objektive Wahrheit. Daher war es mir wichtig, beide Versionen zu erzählen. Das Thema (zumindest ein Thema) ist im Grunde, wie man den Anderen aus seinen Vorstellungen heraus konstruiert und wenn diese Konstruktion misslingt, kann man sich nur entweder der bitteren Wahrheit stellen oder sich dem Wahn hingeben.

aber creepy ist er nicht, sondern lediglich verknallt.

Das ist schwierig zu sagen. Ich denke, da gibt es keine richtige Antwort. Man ist halt irgendwie immer so creepy, wie einen die anderen wahrnehmen. Am Ende der Geschichte ist er aber definitiv durchgeknallt. :lol:
Wobei dies natürlich auch einfach Projektionen seiner Vorurteile sind:

Sie scheint ja eine intelligente, selbstbewusste Frau zu sein, was ihn wohl einerseits anzieht, aber andererseits auch ängstigt (was sein aus ihrer Sicht unstimmiges Verhalten vielleicht erklärt). Nicht umsonst hat Mann früher intelligente, selbstbewusste Frauen als Hexen verbrannt. Alles was ihm von dieser Frau blieb, ist die Bulgakow-Lektüre - ihrerseits sowohl Zeugnis Anetas intellektueller Identität und Hinweis auf das Hexenthema (der Zauberer bei "Meister und Margarita").

Als seine Vorstellungswelt nicht mehr zusammengehalten kann, flüchtet er sich in den Wahn, der all diese Themen wiedergibt: Pilze wurden seitjeher mit Hexen in Verbindung gebracht, die schwarze Katze, die sowohl bei Bulgakow, als auch in der okkulten Tradition eine Rolle spielt...

lisa weiß das. aneta nicht, weil sie sich die zeit nicht nehmen wollte, tiefer zu schauen.

Lisa kennt ihn ja anscheinend schon länger. Aber Aneta hat natürlich das Problem, dass all ihre Wahrnehmungen notwendigerweise vor dem Hintergrund der ersten Wahrnehmung ablaufen. Aber ein wenig hast du auch recht. Lisa konnte ja tiefer schauen und es scheint Anzeichen im Text zu geben, dass sie ihn akzeptiert, wie er ist.

LG

P.S.: Ich sollte vielleicht auch über einen anderen Titel nachdenken. Inzwischen sind es, glaube ich, mehr als zwei Briefe, wenn ich mich nicht verzählt habe.
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Zwei Briefe

#22
Liebes Schmuddelkind,
ich würde mir wünschen, es gäbe eine Übersetzung. Ich ahnte es bereits, als ich den Kommentarstrang darunter las: Aneta schrieb hier ihre Sicht der Dinge auf, die in krassem Gegensatz zu seinem Erleben steht. Eine geniale Idee! Allein das Übersetzen würde mir im Moment ein Zuviel an Zeit abverlangen - schade, ich wüsste gern, wie sie diese Begegnungen erlebt hat! Und jetzt nicht mit dem Gefühl hier herausgehen, dass die Wissenden unter sich bleiben, eventuell vorerst …

Maulige Grüße von der Jule

Re: Zwei Briefe

#23
Vielen Dank, ihr Lieben. :)

Dass ist wirklich sehr schön geschrieben!

Ich fühle mich geschmeichelt. :)

Aneta schrieb hier ihre Sicht der Dinge auf, die in krassem Gegensatz zu seinem Erleben steht. Eine geniale Idee!

Danke! :)
Ja, das war die Grundidee. Habe mal einen längeren Text geschrieben, der einer recht ähnlichen Problematik nachging. Dort hat man aber ausschließlich Einblick seine Gedanken und Gefühle. Ihre Sichtweise kann man bei sehr aufmerksamer Lektüre erahnen. Hier wollte ich es mal damit versuchen, beide Wahrnehmungen explizit im Gegensatz zueinander zu stellen.

ich würde mir wünschen, es gäbe eine Übersetzung.

Danke für das Interesse! Ich werde mal bei Gelegenheit versuchen Anetas Briefe zu übersetzen, obwohl bei literarischen Texten durch die Übersetzung immer Einiges verloren geht.

LG
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Zwei Briefe

#24
Hier, wie versprochen, die Übersetzung der Briefe Anetas:


27.6.2019
Hey Maya,

danke für die Einladung. Ich hoffe sehr, dass ich kommen kann, aber ich bin zur Zeit ziemlich beschäftigt. Wie geht es dir?
Naja, um ehrlich zu sein, bin ich gerade ein wenig verwirrt. Ich habe diesen Typen getroffen. Nichts Ernstes - alao eigentlich ist er ziemlich süß, seine langen, blonden Haare deuten einen gewissen Freiheitssinn an. Allerdings wirkte er ein bisschen schüchtern, obwohl er mich im Bahnhof angesprochen hat. Aber während unserer Fahrt hat er echt nicht viel geredet. Was er sagte, war jedoch recht interessant.

Ich weiß nicht, er scheint mir ein wenig verloren, wie jemand, der gerade in die Existenz gestolpert ist. Schließlich mussten wir uns trennen und er stand einfach da und wartete auf... ich weiß nicht. Also verabschiedete ich mich. Als ich am Bahnsteig wartete, tauchte er plötzlich wieder auf und setzte die Unterhaltung fort, als wäre es normal. Dann hat er nach meiner Nummer gefragt. Ich habe mich nicht dazu bequemt, nein zu sagen, also gab ich sie ihm. Doch es fühlte sich komisch an. Seine Schüchternheit zusammen mit diesem mutigen Zug. Irgendetwas passte nicht zusammen. Er passte nicht zusammen.

Bisher bin ich mir nicht sicher, was ich damit anfangen soll. Sicherlich ist er ein Sonderling. Abder einer der interessanten oder einer der unheimlichen Sorte?


30.6.2019
Er sagte, er sei ein Autor. Doch er betonte die Tatsache, dass er ein erfolgloser Autor sei. Das war irgendwie lustig, muss ich sagen. Offenbar hat er einen mysteriösen Sinn für Humor, wovon ich mich ziemlich angezogen fühle, aber er ist auch ein seltsamer Typ.

Inzwischen hat er nach einem Date gefragt. Und wieder zugleich so schüchtern und kühn zu sein... Ich weiß wirklich nicht, wie ich darauf reagieren soll; daher rede ich viel. Wie er sprach - Ich stellte mir vor, wie er mit mir redete, ohne mir in die Augen zu schauen.

Also beschloss ich ihm zu sagen, dass ich momentan viel zu tun habe, um etwas Zeit zu gewinnen, was übrigens gar nicht so unwahr ist. Aber wie ich die Sache sehe, gibt es da keine Chance.


8.7.2019
Naja, ich sehe keine wirkliche gemeinsame Grundlage für uns. Und ich weiß: der Sinn und Zweck eines Dates ist es, herauszufinden, ob es eine solche gemeinsame Grundlage gibt und ja, ich kenne ihn kaum. Aber ich meine, es fühlt sich so an, als könnte er für mich nicht mehr als amüsant sein. Und ich will ihn nicht verletzen. Er erscheint mir so traurig und verloren und ich bin mir nicht sicher, wie er auf eine Zurückweisung reagieren würde. Du weißt, ich kenne einige Männer, die wirklich einen Aufstand gemacht haben.


14.7.2019
Hey Maya,

danke für den schönen gestrigen Abend! Es war eine wundervolle Party. Und es war toll, wieder mit dir zu reden.
Vielleicht hast du recht. Vielleicht hänge ich zu sehr in der Vergangenheit. Ich denke, ich sollte neuen Menschen eine Chance geben. Ich denke, ich sollte ihm eine Chance geben. Man weiß nie, was passiert, wenn man nicht entschlossen ist, es herauszufinden.


24.7.2019
Maya,

ich habe versucht der Sache eine Chance zu geben. Ich habe sechs Stunden mit ihm verbracht, um nicht in Versuchung zu geraten, zu früh abzubrechen. Er war nett und brachte eine Decke und Wein mit, aber die meiste Zeit hat er kaum etwas geredet. Er saß nur da und starrte mich an. Deshalb redete ich umso mehr. Es gab manche Situationen, in denen er überwältigt erschien ob meiner Worte, anscheinend weil er die Bedeutung einiger Sätze überschätzte, z.B. als sich herausstellte, dass wir einmal zufälligerweise am selben Ort unseren Urlaub verbrachten. Doch dann wurde er wieder still und erwartete, dass... ich weiß nicht... ich ihn unterhalte?

Bevor mein Zug ankam, umarmte er mich deutlich zu lange. Schließlich wollte er wissen, ob wir uns wiedersehen. Da ich es nicht übers Herz brachte, nein zu sagen, habe ich zugestimmt. Aber diese Aussicht bereitete mir seitdem wirklich Unbehagen. Zunächst war ich sogar geneigt, ihm eine zweite Chance zu geben, weil ich weiß, dass ich nicht selten zu ungeduldig bin. Aber dann schickte er mir Nachrichten und rief mich wieder und wieder an. Das war mir zu fordernd. Mit dieser Situation kam ich einfach nicht klar und beschloss, es wäre das Beste, ihm nicht mehr zu antworten.
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Zwei Briefe

#25
"Aneta an Maya" skizziert einen Mann, der so drängende Wünsche nach Zweisamkeit hegt, dass sie ihnen lähmen, sich auszudrücken, wobei das Zurückhaltenmüssen ihn traurig macht. Nur manchmal kann er über seinen Schatten springen, und dann sprudeln die Bedürfnisse so irritierend heftig hervor, dass sie bei Aneta Angstgefühle, völlig vereinnahmt zu werden, auslösen.

Sensibel geschrieben, liebes Schmuddelkind. Gern gelesen.
LG g
Zuletzt geändert von gummibaum am 12 Okt 2019, 13:46, insgesamt 1-mal geändert.
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