route du soleil

#1
....Pausenstopp einlegen, runter von der Autobahn, Gas wegnehmen. Meine Hand bewegt wie ferngesteuert das Lenkrad...gehört sie zu mir? Langsamer werden und ausrollen lassen. Der Motor dröhnt beim Runterschalten.
Schnell die Beine vertreten und frische Luft schnappen.

Ich sitze um 3 Uhr nachts an der Rasenabgrenzung vor den parkenden Autos. Hocke wie ein Rancher auf dem Holzgatter und beobachte die hektischen Tankstellenbesucher, die vorbeieilen. Alle müde. Manche lachen und freuen sich über die Ablenkung während sie mit schnellen Schritten, von dem großen warmen Licht der Fenster magisch angezogen, zum Eingang der Raststätte strömen.

Den leeren Parkplatz vor mir steuert ein roter, alter Van an. Der Renault rollt verstaubt, verbeult und klappernd in die Parkbucht. Die Innenbeleuchtung schaltet sich ein, wirft mattes Licht, einen schwachen Schein - als wolle er die Dunkelheit nicht beleidigen. Im Fond des Wagens erkenne ich schemenhaft einen jungen Mann mit hageren Gesichtszügen, unrasiert. Er steigt aus, seine Bewegungen sind seltsam starr, disharmonisch und ungelenk. Trotz aller Tristesse erscheint er mir sehr gelassen und wirkt sympathisch.

"...wieder einer, der zu lange gefahren ist und jetzt mit seinen steifen Gliedern kämpft..."
Dann sehe ich, dass der junge Mann bei jedem Schritt mit seiner rechten Hand am Auto Halt sucht während er sich mühsam von der Fahrertür zur Beifahrerseite hangelt.
Er muß sich festhalten, denn seine Beine scheinen ihm nicht zu gehorchen. Ich erkenne die typischen, ausholenden Schleuderbewegungen, bei denen die Beine mühsam aus der Hüfte nach vorne geworfen werden, weil die Kniegelenke steif sind. Infolge einer Kinderlähmung sind seine Schritte eine einzige Anstrengung. Die Beine wackeln instabil und tragen den Oberkörper nur widerwillig. Anheben, absetzen, Gleichgewicht suchen, anheben, absetzen...

Er schafft es zu den Kindersitzen, öffnet die Schiebetür und reicht eine Hand nach innen. Ein kleines Mädchen mit schulterlangem, kastanienbraunen Haaren ergreift sie. Beide lachen sich an und scherzen miteinander. In einem roten Sommerkleid springt das Kind flink aus dem Wageninneren.
Beide schlendern Hand in Hand vorbei und mir ist, als würde alles ringsumher verblassen und unwichtig werden. Die Dunkelheit, die Autobahn, die Tristesse der Raststätte, alles seiner Bedeutung beraubt von zwei Menschen, die so liebevoll erscheinen.
Ein vollkommener Moment
Zuletzt geändert von mont claire am 16 Aug 2019, 17:55, insgesamt 8-mal geändert.
Die wichtigsten Dinge passieren nicht immer dann und dort, wo und wenn wir sie erwarten
mc

Stichwortübersicht:

Re: route du soleil

#2
hallo mont claire,

deine geschichte hat mir sehr gut gefallen. du beschreibst authentisch und so habe ich als leser das gefühl, neben dem LI zu sitzen und diesem behinderten mann beim aussteigen zuzusehen, seine schwierigkeiten beim gehen zu beobachten, ganz nah an dem geschehen zu sein. auch das ende ist herzerwärmend. ich habe mich ganz ähnlich gefühlt, als ich einmal eine großmutter im rollstuhl sah, auf deren schoß ihre enkelin saß und beide von der mutter des mädchens (die ja gleichzeitig tochter der großmutter war) geschoben wurden. alle lachten fröhlich und strahlten einen verbundenheit über die drei generationen hinweg aus, die ich heute noch fühle, wenn ich nur daran denke. irgendwann, wenn ich mal viel zeit habe, werde ich versuchen, diesen moment in einem bild festzuhalten. das wird bestimmt ein kitschiges bild, aber das ist mir egal. :)

ganz zum schluss könnte man imho noch ein wenig verbessern, was aber alles geschmackssache ist. darf ich?:

Er schafft es zu den Kindersitzen, öffnet die Schiebetür und reicht eine Hand nach innen. Ein kleines Mädchen mit schulterlangem, kastanienbraunen Haaren ergreift seine Hand.


der bezug zur hand ist schon da. *ergreift sie* wäre imho ausreichend.

In einem roten Sommerkleid springt das Kind flink aus dem Wageninneren.

irgendetwas an der formulierung stört mich, kann dir aber nicht genau sagen, was. frage mich allerdings gerade, wieso ein kleines mädchen nachts um drei munter ist, anstatt zu schlafen. ist natürlich nicht völlig abwegig, aber auch nicht sofort plausibel.

Beide schlendern Hand in Hand an mir vorbei und mir ist, als würde alles ringsumher verblassen und unwichtig werden.

das schlendern passt nicht zu dem mühevollen laufen des mannes kurz vorher. *an mir vorbei* funktioniert auch gut ohne *an mir*.

gern gelesen :)

lg
grashüpfer

Re: route du soleil

#3
Danke Grashüpfer für deine Betrachtungen und deine Anregungen, ich werde sie einfließen lassen, wenn ich zurück bin.
Es sind, für mich wertvolle Gedanken und "4 Augen sehen mehr als 2"
Gruß
Die wichtigsten Dinge passieren nicht immer dann und dort, wo und wenn wir sie erwarten
mc

Re: route du soleil

#6
Hallo.
mont claire hat geschrieben:
11 Aug 2019, 19:07
....Pausenstopp einlegen, runter von der Autobahn, Gas wegnehmen.
Das finde ich einen komischen Einstieg. So stakkatoartig. Keine richtige Sätze.
Außerdem: Drei Punkte und ein Leerzeichen danach.
Meine Hand bewegt wie ferngesteuert das Lenkrad...
Ist das nicht eh immer so? Also, dass man seine Gliedmaßen fernsteuert (vom Gehirn aus)?
...gehört sie zu mir?.
Der Punkt am Ende ist falsch.
außerdem: ... gehört sie zu mir?
Langsamer werden und ausrollen lassen.
Wieder so keine-richtige-Sätze.
Schnell die Beine vertreten und frische Luft schnappen, denke ich.
Erneut. Und wofür das "denke ich"? Es kam ja bisher eh so rüber, als wärme man im Kopf des Ich-Erzählers.
Den leeren Parkplatz vor mir steuert ein roter, alter FamilienVan an.
Wieso diese Satzstellung?
Wäre das so nicht besser: Vor mir steuert ein roter, alter Van den leeren Parkplatz an.
?
Die Innenbeleuchtung schaltet sich ein, wirft mattes Licht, einen schwachen Schein - als wolle er die Dunkelheit nicht beleidigen.
Im Fond des Wagens erkenne ich schemenhaft einen jungen Mann mit hageren Gesichtszügen, unrasiert.
Wenn nur schemenhaft erkennbar, ist da echt "unrasiert" klar ausmachbar?
Er steigt mühsam aus, seine Bewegungen sind seltsam starr, disharmonisch und ungelenk.
Trotz aller Tristesse erscheint er mir sehr gelassen und wirkt irgendwie sympathisch.
Fänd stärker: Er wirkt sympathisch.
".....wieder einer, der zu lange gefahren ist und jetzt mit seinen steifen Gliedern kämpft.." geht mir durch den Kopf.
Wozu dieser Umstand.
Wieder einer, der zu lange gefahren ist und jetzt mit seinen steifen Gliedern kämpft.

Wir sind ja eh im Kopf des Ich-Erzählers.
Dann sehe ich, dass der junge Mann bei jedem Schritt mit seiner rechten Hand am Auto Halt sucht während er sich mühsam von der Fahrertür zur Beifahrerseite hangelt.
Warum eine "dann"-Konstruktion? Und wieso "sehe ich". Ist ja eh klar, wir sind im Kopf des Ich-Erzählers. Dass er ein _junger_ Mann ist, wurde bisher auch nicht erwähnt.

Der junge Mann sucht bei jedem Schritt mit seiner rechten Hand am Auto Halt, während er sich mühsam von der Fahrertür zur Beifahrerseite hangelt.
Er muß sich festhalten, denn seine Beine gehorchen ihm nicht.
Seine Beine scheinen ihm nicht zu gehorchen.
Der Rest ergibt sich ja aus dem Kontext.
Sie behindern ihn.
Ich erkenne die typischen, ausholenden Schleuderbewegungen, bei denen die Beine mühsam aus der Hüfte nach vorne geworfen werden, weil die Kniegelenke steif sind. Seine Schritte sind eine einzige Anstrengung.
Find ich aber komisch formuliert/beschrieben.
Die Beine wackeln instabil und tragen den Oberkörper nur widerwillig. Anheben, absetzen, Gleichgewicht suchen, anheben, absetzen...
Beide lachen sich an und scherzen miteinander.
Wirkt banal/kitschig in dieser Form. Berichtartig.
In einem roten Sommerkleid springt das Kind flink aus dem Wageninneren.
Ist das Sommerkleid hier wichtig? Ich finde das holprig integriert an dieser Stelle. Und wenn es herausspringt, ist es ja automatisch flink, oder?

Insgesamt weiß ich nichts mit diesem Text anzufangen. Es ist halt eine Szene, die für mich eher bedeutungslos wirkt und in der nichts passiert. Ich finde auch nicht, dass eine besondere Atmosphäre rüberkommt. Dafür finde ich es zuwenig lebhaft, zu berichtartig, zu wenige interessante Details, die irgendwas aussagen über die beobachten Personen usw.

Gruß

Re: route du soleil

#8
Hi Grashüpfer, ich glaube du bist ein sehr einfühlsamer Mitmensch. Deine drei Generationen, die in Zuneigung und Liebe erschienen, dieser Moment hat sich, ähnlich wie bei mir in deine Erinnerung eingebrannt. Was ist das für ein Vorgang? Ausschüttung von Dopamin, Adrenalin oder ähnlichen Blutbestandteilen? Soziale Prägung und Erziehung?
Kann man Empathie erlernen, anbauen, inhalieren, als Tablette einwerfen? Helfen Psychopharmaka Empathie loszuwerden?
danke nochmal für deine Wertschätzung meiner Kurzgeschichte und die Verbesserungsvorschläge

Hi Superfant
Der Stakkato ist dem Erlebten geschuldet. Habs ganz schnell, nach Ankunft aufgeschrieben und auf der Autobahn wirkt vieles Stakkatohaft. Die immerwiederkehrende Straßenbeleuchtung, der Gegenverkehr, die Geräusche, die Seitenabgrenzungen....
Das Stakkato an Sätzen war nicht geplant, kam einfach so unter dem Eindruck von 1000 km Autobahn.

Die Hinweise: aus dem Kopf des Erzählers, waren gut. Hab vieles umzusetzen versucht, berücksichtigt.
Andere Anregungen veränderten mir persönlich das Erlebte und damit die Kurzgeschichte zu stark.
Du bist ein ehrlicher Knochen und deine Kritik ist besser als dein Musikgeschmack! :Nö!!!: Haaha, du bist der erste, der sagt, er könne nichts mit der Geschichte anfangen.
Neee..... :rofleek: danke für die Zahnlücke
m.c
Die wichtigsten Dinge passieren nicht immer dann und dort, wo und wenn wir sie erwarten
mc

Re: route du soleil

#9
mont claire hat geschrieben:
16 Aug 2019, 18:28
und deine Kritik ist besser als dein Musikgeschmack! :Nö!!!:
?

Fände auch es auch eher unwahrscheinlich, dass mit einem Text jeder was anfangen kann. Manche Leute sagen auch nicht gern etwas Negatives.
Als Geschichte empfand ich den Text jedoch nicht wirklich. Halt eine Szene.

Re: route du soleil

#10
Als Geschichte empfand ich den Text jedoch nicht wirklich. Halt eine Szene.

genau das gefällt mir daran. auch eine szene kann schon eine geschichte sein, wenn sie eine geschichte erzählt. und das tut diese hier imho. das unerwartete ende, nämlich dass der betrachter alles rundherum vergisst und darüber hinaus auch seine eigene müdigkeit, seine eigene ungelenkheit nach der langen fahrt beim anblick der beiden, gibt dem ganzen diesen besonderen emotionalen kick. der stakkatomäßige einstieg passt meiner meinung nach prima. aber wie du schon sagst, kann man ja nicht alle leser erreichen - der eine mag dies und der andere das. :)

lg
grashüpfer
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