Zwei Briefe

#1
25.6.2019
Liebe Lisa,

ich will dir jetzt schreiben, auch wenn ich sehr müde bin. Um genau zu sein, will ich dir berichten, wovon ich so müde bin. Habe eine Frau kennengelernt. Nicht erschrecken! Der Satz ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn abgesehen davon, dass ich sie kennenlernte, ist nichts passiert und ich weiß auch noch nicht, ob daraus mehr wird bzw. werden sollte.

Gestern Abend fuhr ich mit der Bahn, bis sie irgendwann wegen eines Polizeieinsatzes nicht mehr weiterfahren wollte. Da sprach ich die junge, hübsche Dame an, die neben mir auf dem Bahnsteig stand, weil sie ihr Smartphone in der Hand hatte und nach Infos zum weiteren Ablauf suchte. Dachte, sie könne mir mehr sagen als das Bahnpersonal, das nur meinte: "Wir wissen nicht, wann es wieder weitergeht." Jedenfalls stellte sich heraus, dass sie aus Kasachstan kommt und nicht Deutsch sprach. Die letzten drei Jahre verbrachte sie wegen eines Filmprojekts in Berlin.

Wir kamen also auf Englisch ins Gespräch und es war wirklich ein sehr interessantes Gespräch - vielleicht mehr durch die Art, wie sie sprach und zu mir sah als durch die Themen. Zwischendurch übersetzte ich ihr die Lautsprecheransagen. Wir redeten auch, als wir wieder einstiegen und auch als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, bis wir an der Station angekommen waren, an der wir beide umsteigen mussten. Da sie Richtung Norden und ich Richtung Süden weiterfahren sollte, verabschiedeten wir uns auf dem Bahngleis, zögernd, ob wir jetzt das Gespräch einfach so ohne Weiteres beenden sollen - dabei machten wir beide vorsichtige Gesten, als wären wir zu schüchtern, einander zu umarmen - was wir letztendlich auch waren.

Als ich zu meinem Gleis ging, ärgerte ich mich, dass ich sie nicht nach ihrer Nummer gefragt habe, zweifelte aber auch, ob es sinnvoll wäre, mich so kurz nach einer gescheiterten Beziehung wieder auf etwas Neues einzulassen. Aber egal, wie ich mich entscheide - ihre Nummer zu haben, hätte nicht schaden können, auch wenn es nur darum geht, jemanden zum Quatschen zu haben. Aber vielleicht will ich doch lieber meine Ruhe? Vielleicht war es einfach nur ein interessantes Gespräch und sollte dabei bleiben? Vielleicht war aber meine Beziehung zu Elena schon viel länger tot, als ich es mir eingestehen wollte, dass ich mich von mir aus zu so einem Flirt öffnete? War es überhaupt ein Flirt? War es nicht einfach nur ein Gespräch? Vielleicht ist so ein Flirt ja auch ganz in Ordnung und nicht so schlecht für das Selbstwertgefühl, aber vielleicht wäre mehr als ein Flirt wirklich nicht gut...

Da schaute ich auf die Anzeige: All meine Züge fielen aus. Ehe ich darüber nachdenken konnte, eilte ich zum anderen Gleis, wo ich sie noch antraf - ihr Zug kam erst in neun Minuten. Wir unterhielten uns noch einige Minuten und diesmal habe ich es nicht versäumt, nach ihrer Handynummer zu fragen, die sie mir auch bereitwillig hergab. Zum Abschied umarmten wir uns. Dann ging ich zwei Stunden zu Fuß nach Hause, kam um halb vier in der Nacht an. Darüber war ich nicht unglücklich, da ich die Gelegenheit zum Nachdenken nutzen wollte, was das jetzt alles bedeutet - kam aber zu keinem Ergebnis. Habe dann etwa eine Stunde tief geschlafen und bin um fünf Uhr heute früh aufgewacht.

Eben schrieb sie mir. Ich schrieb zurück, dass ich heute recht müde bin und mich morgen melde. Jetzt habe ich eine Galgenfrist, weiß aber darüber hinaus auch nicht weiter.


27.6.2019
Liebe Lisa,

ich habe mich heute mit ihr im Park getroffen. Wir schlenderten die Uferpromenade entlang, sehr viel langsamer, als es wohl jeder von uns für sich alleine getan hätte. Sie gestikulierte so lebhaft, dass ich ihre Worte gar nicht gebraucht hätte, um den heimlichen Sinn ihres Sprechens zu verstehen. Und viel sprach sie und wenig wollte ich sie dabei stören.

Wir setzten uns an das Ufer und hielten die Füße ins Wasser. Stille kehrte ein. Mein Blick glitt langsam von ihren Füßen das bunt gemusterte Kleid herauf zu ihren Augen, die verträumt zum anderen Ufer blickten, bis sie meinen Blick bemerkte und sich zu mir umdrehte. Sie schaute mir in die Augen. Eine ganze Weile lang. Oder gar noch länger. Es gibt kein besseres Wort: Ich war glücklich. So glücklich wie einst mit Elena. Ich dachte an sie, wie wir in diesem Park unsere schönsten Stunden verbrachten, wie sie ihren Kopf auf meine Brust legte und ich ihr die ganze Welt anvertratut hätte.

Da stand ich auf und sagte: "I have to go now." Mit fragendem Blick sah sie zu mir herauf. Ich schwieg, weil ich sie nicht belügen wollte und ging also nach Hause.
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Zwei Briefe

#2
Hallo Schmuddelkind
deine Briefe haben mit wirklich mitgenommen. Im Alltäglichen einer schönen, fremden Frau zu begegnen, Interesse und gegenseitige Neugier erleben zu dürfen mit der Aussicht auf mehr Lebendiges, Zuneigung, Liebe - vielleicht - sogar eine Liebesnacht....

Eine Kurzgeschichte, die meiner Ansicht nach lasziv, schlicht, einfach und ruhig geschrieben ist. Alles ist nachvollziehbar und in der Schreib- Handlungsform sehr harmonisch

Was war der Auslöser für diese Briefe, Ehrlichkeit gegenüber Lisa?
Warst du stolz, auf die Gelegenheit fremd zu gehen, verzichtet zu haben?
Bereust du es heute diese Frau nicht geliebt zu haben?
Wolltest du Lisas Gefühle nicht verletzen?

Ich begegnete in Glasgow, nach der schönsten Motorradfahrt meines Lebens über die Highlands, einer wunderbaren Frau. Auch deshalb mitgenommen und mit vielen Fragen an dich,

berührt
gruß m.c
die dunklen Tage machen die schönen noch schöner
m.c

Re: Zwei Briefe

#3
Hallo Schmuddelkind und mont claire,

auch ich habe diese Briefe schon mehrmals gelesen und ebenfalls, wie bei mont claire, ließen sie mich mit allerhand Fragen zurück.

Ich finde sie sehr schön geschrieben, da ich mich gut in die beschriebene Gegebenheit hineinversetzt fühle. Außerdem mag ich es generell etwaige Tagebucheinträge oder Briefwechsel zu lesen. Irgendwie haben sie für mich etwas Lebendiges an sich, was mich auf seine Weise fesselt.
mont claire hat geschrieben: Warst du stolz, auf die Gelegenheit fremd zu gehen, verzichtet zu haben?
Schmuddelkind hat geschrieben: zweifelte aber auch, ob es sinnvoll wäre, mich so kurz nach einer gescheiterten Beziehung wieder auf etwas Neues einzulassen.
Schmuddelkind hat geschrieben: Vielleicht war aber meine Beziehung zu Elena schon viel länger tot, als ich es mir eingestehen wollte,
Diesbezüglich bin ich z.B auch etwas verwirrt, ist das LI jetzt Single oder in einer Beziehung, die es aber schon als beendet ansieht, da aus seiner Sicht gescheitert?
mont claire hat geschrieben:Wolltest du Lisas Gefühle nicht verletzen?
Ist Lisa "nur" eine Brieffreundin? Denn die Frau aus der Beziehung ist Elena??

Was mir ausgesprochen gut gefällt ist diese Passage hier. Man fährt förmlich im Gedankenkarusell des LI mit, welches die Situation einzuordnen versucht und spürt seine aufkommenden ambivalenten Gefühle.
Schmuddelkind hat geschrieben:
Als ich zu meinem Gleis ging, ärgerte ich mich, dass ich sie nicht nach ihrer Nummer gefragt habe, zweifelte aber auch, ob es sinnvoll wäre, mich so kurz nach einer gescheiterten Beziehung wieder auf etwas Neues einzulassen. Aber egal, wie ich mich entscheide - ihre Nummer zu haben, hätte nicht schaden können, auch wenn es nur darum geht, jemanden zum Quatschen zu haben. Aber vielleicht will ich doch lieber meine Ruhe? Vielleicht war es einfach nur ein interessantes Gespräch und sollte dabei bleiben? Vielleicht war aber meine Beziehung zu Elena schon viel länger tot, als ich es mir eingestehen wollte, dass ich mich von mir aus zu so einem Flirt öffnete? War es überhaupt ein Flirt? War es nicht einfach nur ein Gespräch? Vielleicht ist so ein Flirt ja auch ganz in Ordnung und nicht so schlecht für das Selbstwertgefühl, aber vielleicht wäre mehr als ein Flirt wirklich nicht gut...
Hier weiß ich nicht so recht, wie ich das einordnen soll :think:
Schmuddelkind hat geschrieben: Wir setzten uns an das Ufer und hielten die Füße ins Wasser. Stille kehrte ein. Mein Blick glitt langsam von ihren Füßen das bunt gemusterte Kleid herauf zu ihren Augen, die verträumt zum anderen Ufer blickten, bis sie meinen Blick bemerkte und sich zu mir umdrehte. Sie schaute mir in die Augen. Eine ganze Weile lang. Oder gar noch länger. Es gibt kein besseres Wort: Ich war glücklich. So glücklich wie einst mit Elena. Ich dachte an sie, wie wir in diesem Park unsere schönsten Stunden verbrachten, wie sie ihren Kopf auf meine Brust legte und ich ihr die ganze Welt anvertratut hätte.

Da stand ich auf und sagte: "I have to go now." Mit fragendem Blick sah sie zu mir herauf. Ich schwieg, weil ich sie nicht belügen wollte und ging also nach Hause.
Warum verlässt das LI die Situation? Weil es auf Grund dessen, dass es sich mit der jungen Frau am selben Ort befindet, wie einst mit Elena an diese und die Zeit mit ihr erinnert wird und Vergleiche zieht?
Das es deshalb denkt, er wäre noch nicht über Sie hinweg? Weil es sich noch mit Elena in einer Beziehung befindet?
Außerdem ist ja auch noch nicht wirklich geklärt worauf das Verhältnis zwischen dem LI und der jungen Frau hinauslaufen sollte? Und warum ihr nicht die Wahrheit anvertrauen und sie selbst entscheiden lassen?

Also auch ich habe irgendwie Fragen über Fragen :buff:

Liebe Grüße,
Pius
"Mut steht am Anfang des Handelns und Glück am Ende." - Demokrit

Re: Zwei Briefe

#4
Vielen lieben Dank für eure ausführlichen Kommentare. :)

Freut mich sehr, dass der Text sprachlich gut rüberkommt.

Vorab vielleicht zu der Verwirrung, was den Inhalt angeht. Ich habe mir das so vorgestellt, dass der Protagonist erst seit Kurzem nach einer Beziehung wieder allein ist. Da ist er nun Single und hat natürlich das Recht, zu tun und zu lassen, was er will. Aber dann merkt er, dass er emotional doch noch gebunden ist und die aufregenden Glücksmomente erinnern ihn an seine große Liebe, weswegen er sie nicht weiter zulassen kann. Daher am Ende also der Abbruch des Annäherns. Ich schätze, das habe ich im Text nicht deutlich genug erklärt (oder vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass es etwas undeutlich ist?).

Mir ging es dabei v.a. darum, zwei Briefe spiegelbildlich aufzubauen. Im ersten Brief folgt auf die aufgebaute Enttäuschung bzw. das Bedauerns über die eigene Untätigkeit unerwartet eine Chance auf näheres Kennenlernen. Im zweiten Brief ist es umgekehrt. Die Erwartung eines Schritts hin, die Restdistanz zu überbrücken, baut sich auf und wird am Ende doch unvermittelt gebrochen.

Was war der Auslöser für diese Briefe, Ehrlichkeit gegenüber Lisa?
Warst du stolz, auf die Gelegenheit fremd zu gehen, verzichtet zu haben?
Bereust du es heute diese Frau nicht geliebt zu haben?
Wolltest du Lisas Gefühle nicht verletzen?

Diese Fragen müsstest du dem Ich-Erzähler stellen. Ich weiß nicht, inwieweit ich befugt bin, sie an seiner Statt zu beantworten. Aber wie gesagt: Untreue war eigentlich nicht das Thema - zumindest nicht so von mir beabsichtigt.

Ist Lisa "nur" eine Brieffreundin? Denn die Frau aus der Beziehung ist Elena??

Ja.

Was mir ausgesprochen gut gefällt ist diese Passage hier. Man fährt förmlich im Gedankenkarusell des LI mit, welches die Situation einzuordnen versucht und spürt seine aufkommenden ambivalenten Gefühle.

Cool! Diesen Effekt sollte es auch erzeugen. Freut mich, dass mir das offenbar gelungen ist. :)

Außerdem mag ich es generell etwaige Tagebucheinträge oder Briefwechsel zu lesen. Irgendwie haben sie für mich etwas Lebendiges an sich, was mich auf seine Weise fesselt.

Ja, das stimmt. Sie erzeugen die Illusion von Authentizität. Daher zieht mich diese literarische Form auch immer wieder an. Schreibe sehr gerne in Briefen und Tagebucheinträgen, um den Leser ganz in die Gedanken- und Gefühlswelt des Protagonisten hineinzuziehen.

LG
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.

Re: Zwei Briefe

#5
Schmuddelkind hat geschrieben: Vorab vielleicht zu der Verwirrung, was den Inhalt angeht. Ich habe mir das so vorgestellt, dass der Protagonist erst seit Kurzem nach einer Beziehung wieder allein ist. Da ist er nun Single und hat natürlich das Recht, zu tun und zu lassen, was er will. Aber dann merkt er, dass er emotional doch noch gebunden ist und die aufregenden Glücksmomente erinnern ihn an seine große Liebe, weswegen er sie nicht weiter zulassen kann. Daher am Ende also der Abbruch des Annäherns. Ich schätze, das habe ich im Text nicht deutlich genug erklärt (oder vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass es etwas undeutlich ist?).
Also für mein Textverständnis finde ich es besser, dass du darauf nochmal eingegangen bist. Es ist schon etwas anderes sich tatsächlich noch in einer Beziehung zu befinden oder "nur" noch emotional gebunden zu sein, auch wenn die Konseqenz für das LI eventuell dieselbe wäre.
Schmuddelkind hat geschrieben: Diese Fragen müsstest du dem Ich-Erzähler stellen. Ich weiß nicht, inwieweit ich befugt bin, sie an seiner Statt zu beantworten.
Gibt es denn einen realen Ich-Erzähler? Wenn ja vielleicht kannst du die Fragen von mont claire und mir an ihn herantragen? :think:
Ich würde mich auf jeden Fall gern mit dem Ich-erzähler unterhalten, um Wissen aus seinen Erfahrungen zu schöpfen.

Liebe Grüße,
Pius
"Mut steht am Anfang des Handelns und Glück am Ende." - Demokrit

Re: Zwei Briefe

#6
Also für mein Textverständnis finde ich es besser, dass du darauf nochmal eingegangen bist. Es ist schon etwas anderes sich tatsächlich noch in einer Beziehung zu befinden oder "nur" noch emotional gebunden zu sein, auch wenn die Konseqenz für das LI eventuell dieselbe wäre.

OK. Ich überlege noch mal, den Text dahingehend zu überarbeiten...

Gibt es denn einen realen Ich-Erzähler?

Nein. Der ist leider fiktiv.
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.
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