Skelette

#1
Skelette

Es war über Nacht gekommen: Mitten am Dorfplatz zwischen den alten Hainbuchen lag am Morgen ein Skelett. Es war eindeutig ein menschliches Skelett und die Hunde des Dorfes hatten es als Erste entdeckt. Aufgeregt daran schnuppernd und laut bellend gaben sie Laut von ihrem Fund.

Herr Holm, der Briefträger des kleinen Dorfes, hatte die bellenden Hunde schon gehört, als er zur Post gegangen war um dort sein Fahrrad mit der Posttasche zu beladen. Als er kurz darauf über den Dorfplatz fuhr, sah er das Skelett dort liegen. Nachdem er sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte, fuhr er eilends ins Bürgermeisterbüro und erstattete dort Mitteilung von seinem Fund.

Herr Holm war als zuverlässig bekannt und kein Mensch konnte ihm nachsagen, dass er jemals Lügen erzählt hätte, trotzdem ging der Bürgermeister höchstpersönlich mit ihm auf den Dorfplatz, um sich von der Richtigkeit dieser Neuigkeit zu überzeugen.

Tatsächlich: Mitten am Dorfplatz lag es - zwischen den ordentlich zusammengekehrten Laubhaufen des letzten Herbstes: Ein menschliches Skelett.

Der Bürgermeister zog sein Mobiltelefon heraus und meldete dies postwendend in der zuständigen Polizeibehörde der nächsten grösseren Stadt.

Polizeiinspektor Müller wusste nicht mehr ein noch aus, als dieser Anruf hereinkam:

Es war nun schon der Siebzehnte an diesem Tag , der aus einem der umliegenden Dörfer anrief und vom Fund eines menschlichen Skelettes berichtet hatte. Sein Kopf schwirrte, aber das Schreiben der Berichte unterdrückte die Panik, die sich in ihm ausbreitete.
Er funktionierte wie er es in langen Dienstjahren routiniert gelernt hatte und schrieb Bericht über Bericht:

Ein Skelett - gefunden in Gundertshausen - Fundort Dorfplatz unter den Hainbuchen - Fundzeit 5.43.
Ein Skelett - gefunden in Masserdingen - Fundort Scheune von Bauer Habereder - Fundzeit 4.21
Ein Skelett - gefunden in Hammersberg - Fundort Am Alten Torplatz - Fundzeit 7.01
Ein Skelett ....

Skelett um Skelett wurde in den nächsten Morgenstunden gemeldet. Während PI Müller damit beschäftigt war, wechselweise die Fundorte aufzunehmen und telefonisch nach Verstärkung durch zusätzliche Polizeistreifen anzufragen (Seiner eigenen Polizeiinspektion waren außer ihm nur 4 Männer zugeordnet), hatte er das Gefühl, seine Welt kippte aus den Angeln. Den aufkommenden Schwindel und die Panik unterdrückte er mit einigen Schnäpsen und blieb weiterhin in seiner Routine.

Wie in außergewöhnlichen Fällen üblich, wollte er den Vorgesetzten in der Mittleren Kreisbehörde informieren, um seine Hilflosigkeit nach oben zu delegieren. Der Telefonanschluss dort war jedoch ununterbrochen besetzt und so konnte er zu seinen zwei Streifenwagen keine Verstärkung bekommen.
Seine Männer mussten also alles alleine erledigen: alle Dörfer anfahren, die Fundorte absichern und genaue Notizen zu den Fundzeiten, zur Lage der Skelette etc. aufnehmen.

Bis um 15.00 Uhr hatte Herr Müller Meldung aus fast allen Dörfern und Weilern erhalten, die seiner Inspektion zugeordnet waren.
In jeder Ortschaft war ein Skelett gefunden worden.

Zermürbt von der nervlichen Anstrengung, die es ihm gekostet hatte, diesen Irrsinn von sich fernzuhalten und gleichzeitig seine dienstliche Routine aufrechtzuerhalten, ging Müller am Nachmittag nach Hause um sich kurz auszuruhen und um zu sich zu finden.

Seine vier Männer waren weiterhin ununterbrochen von einem Ort in den anderen unterwegs.

Er beschloss, wenn er bis gegen 18.00 Uhr nicht die Mittlere Kreisbehörde erreicht hatte, dort persönlich vorbeizufahren. Das unvermittelte Auftauchen dieser vielen Skelette erforderte Aufklärung und zwar schnell.

Etliche Bauern aus den umliegenden Dörfern waren im Laufe des Tages schon bei der PI 1 vorgefahren, um persönlich zu berichten.
Die Reaktionen der Bauern reichten von heller Aufregung, kurz davor ins Hysterische überzugehen, bis hin zu mehr geerdetem und pfeiferauchendem Abwarten.

Bevor Müller etwas erholt wieder zurück zu seiner Dienststelle ging, die nur wenige hundert Meter von seiner Wohnung entfernt lag, kippte er zum wiederholten Male an diesem Tage einen Cognac, um seine flatternden Nerven zu beruhigen.

Gegen 17.00 Uhr kamen seine vier Kollegen zurück. Erschöpft und totenbleich betraten sie das gemeinsame Büro.

Einer von ihnen ging gleich an den PC und begann die Berichte zu erfassen; die anderen drei schwiegen .

"In allen Dörfern?" fragte Müller nur kurz.

Die Männer nickten betroffen. Einer antwortete mit einem kurzen "Ja".

Nachdem die fünf Polizisten einige Zeit miteinander im Büro geschwiegen hatten, einzig unterbrochen vom Klickgeräusch des Feuerzeugs, das einer der fünf so regelmäßig aufflammen ließ, wie eine Uhr tickt, nach diesem einhelligen Schweigen also räusperte sich Müller, schob seinen Stuhl zurück und sagte:

"Habe die in Großemmendingen heute nicht erreicht - scheint wohl irgendwas mit der Leitung nicht zu stimmen. Werd also mal selber da aufkreuzen dürfen.
Geht nach Hause, Männer! Ihr habt es Euch verdient. Bis Morgen dann!"

Nur das Zittern unter einem seiner Augen verriet, daß er heute den entsetzlichsten Tag seines Lebens verbracht hatte - seines Lebens als Polizist ebenso wie seines Lebens als Mensch überhaupt.

Er setzte sich gerade ans Steuer seines Dienstwagens, als sein Kollege Horst die Beifahrertüre aufriß. Er hatte wahrgenommen, daß sein Chef am Ende seiner Nerven war - wie anders sollte dies auch sein; auch er selber war ein Haufen Ratlosigkeit gemischt mit Nebel - sein Gehirn schien in eine Art Brei zu diffundieren - seine Kniegelenke ebenfalls. "Chef, ich fahr mit", sagte er im jovialen Ton derer, die keinen Zweifel an ihrer Absicht aufkommen lassen und setzte sich, ohne auf eine Antwort zu warten, wie selbstverständlich auf den Beifahrersitz.

Müller wollte kurz noch die Contenance derer wahren, die unter dem Sternzeichen "Lonesome Cowboy" geboren waren, besann sich aber doch eines Besseren --- er hatte Beistand nötig und dies bitterlich, wie ihn sein zuckendes Zwerchfell und die zusammengeballte Faust an der Stelle lehrten, wo einst sein Magen gesessen hatte.

"Alles klar, Thomas", sagte er zu seinem Kollegen und drehte den Zündschlüssel um.

Müller hatte Mühe sich auf das Autofahren zu konzentrieren. Er wußte nicht, ob er die aufkommende Schummrigkeit den vielen Cognac oder seinen Gefühlen zuzuschreiben hatte - es war ja auch egal. Hauptsache sie kamen bald an in Großemmendingen.

Polizeipräsident Turmen war ein Fels in der Brandung - immer gewesen. Müller hatte seine Ausbildung großteils bei ihm absolviert und er vertraute ihm wie einem Vater.

Nur abgeben können, abgeben können diesen Irrsinn, der da abgelaufen war. Fast schien es ihm, er befände sich in einem schlechten Film.

"Das muß ein Verrückter gewesen sein" insistierte Horst in seinen Überlegungen. Müller nahm seinen jungen Kollegen wie durch einen Nebel wahr.

"Ja", antwortete er knapp. Er wußte, der Jüngere erwartete jetzt etwas wie Orientierung, etwas, wozu er bislang immer imstande gewesen war, es zu vermitteln. Er fühlte die Erwartung wie einen kleinen Vogel an sich zupfen und picken - allein, er konnte dem nicht gerecht werden.

Nur weiter durch die hereinbrechende Nacht brummen, durch die Bäume rechts und links. Das sonore Brummen des BMW-Motors übte eine einschläfernde Wirkung auf sein aufgepeitschtes Gemüt aus.

Endlich waren sie durch den Wald hindurch gefahren und die Lichter von Großemmendingen kamen langsam ins Blickfeld. Müller lenkte den Polizei-BMW durch die Straßen der Vorstadt; wie im Schlaf kannte er diese Route aus etlichen Fahrten zu Dienstbesprechungen oder Großeinsätzen bei Demonstrationen und anderen Gelegenheiten, in denen die Polizisten aus allen Orten zusammengezogen wurden.

Langsam bog er durch das Tor des Polizeipräsidiums und stutzte. Es war gegen 18.30 Uhr - normalerweise waren höchstens drei, vier Einsatzwägen hier zu erwarten. Heute waren alle Parkplätze besetzt und darüber hinaus hatten einige die Fahrzeuge der Kollegen einfach zugeparkt; der Parkplatz war hoffnungslos überfüllt.

Müller überlegte in dem Teil seines Gehirns, der ihm noch zugänglich war, ob heute die - einmal monatlich anberaumte - Dienstbesprechung war oder welcher Anlaß sonst dafür zuständig sein konnte, daß der Parkplatz so zugeparkt war.

Während er diesen Gedanken nachhing, eilte er mit seinem Kollegen die Stufen in den ersten Stock empor, wo Turmen sein Büro hatte. Er nahm immer zwei Stufen auf einmal - sich schon gar nicht mehr wundernd über das Stimmengewirr, das ihnen aus dem ersten Stock entgegenschlug.

Oben angekommen stand die Tür des Sitzungssaales offen. Es war klar, daß Turmen nicht in seinem Büro, sondern dort zu finden war.
Der Sitzungssaal war bis auf den letzten Platz gefüllt - einige Polizisten mußten sogar stehen.

Es stellte sich heraus, daß im gesamten Verwaltungsgebiet des Polizeipräsidiums Großemmendingen dasselbe geschehen war : In jedem Ort hatte sich dort heute ein Skelett gefunden. Das war auch die Erklärung für die - vermeintlich tote - Leitung nach Großemmendingen: Den ganzen Tag hatte das Telefon im Polizeipräsidium nicht mehr stillgestanden.

Die Sitzung, die nun folgte dauerte bis in die späten Nachtstunden. Turmen und seine untergeordneten Polizisten überlegten, was zu tun sei. Genaue Maßgaben wurden verteilt, Pläne nach denen zu ermitteln und zu handeln sei.

Während die Polizei in den nächsten Wochen diesen Plänen gerecht wurde, wurden allmählich die Skelette in allen betroffenen Ortschaften beseitigt. Nicht ohne die Skelette vorher genauestens zu durchleuchten und mit den modernsten Methoden zu der die Kriminalpolizei in der Lage war, durchsucht wurden. Zu diesem Zwecke wurden Spezialisten aus der Landeshauptstadt angefordert, die sich in den umliegenden Gasthöfen einmieteten und einen großen LKW mit speziellen Gerätschaften mit sich brachten.

Aus irgendeinem Grund war bei all diesen Erfassungs- und Forschungsarbeiten der kleine Weiler Hubertswill am Rande des Rehforstes vergessen worden.

Lag es vielleicht daran, daß aus Hubertswill keiner Bericht erstattet hatte vom Fund eines Skelettes?
Das ist die wahrscheinlichste Ursache, denn Bericht hätte gegeben werden können.
Auch hier war ein Skelett gefunden worden.

Hubertswill war ein kleiner Ort nur mit drei Bauernhöfen und einer kleinen Andachtskapelle zwischen zwei uralten Bäumen.
Die Blumen, die der Mutter Gottes dargebracht wurden, waren stets frisch und stets waren es bescheidene Blumen, die zu ihren Ehren dort in einer kleinen Vase zurückgelassen wurden - einfache Feldblumen wie Kornblumen und Margeriten, Weizenähren und andere Blumen, die nicht viel aus sich hermachten.

Auch dort war an eben jenem besagtem Tage ein Skelett gefunden worden von spielenden Kindern.

Das Skelett lag auf einer kleinen Wiese in der Nähe der Häuser. Die Kinder kamen dort morgens immer zum Spielen. Sie flochten sich kleine Kränze aus Gänseblümchen oder machten alte Hüpfspiele wie "Hinkel" oder "Himmel und Hölle".

Während dieser Spiele waren sie plötzlich unvermittelt auf das Skelett gestoßen.

Mira, die Fünfjährige war fürchterlich erschrocken und wollte schnell weggehen und ihrer Mutter Bescheid sagen. Aber Mori, der kleine Dreijährige weinte fürchterlich und wollte bei dem Skelett bleiben.

Mira wollte ihn überreden zurückzugehen - allein sie hatte keinen Einfluß auf Mori; er beharrte bei diesem Skelett bleiben zu wollen und als Mira ihn wegzerren wollte, reagierte er mit so heftigen Fußtritten, wie nur Dreijährige aufbringen können, die sich etwas ganz fest in den Kopf gesetzt haben.

"Na gut, dann bleibst Du eben alleine hier; ich gehe die Mama holen", sagte Mira zu ihrem kleinen Bruder.

Sie ging ins Haus zu ihrer Mutter derweilen der Dreijährige alleine bei dem Fund blieb.

Als die Mutter fünf Minuten später mit Mira zurückkam, fanden sie Mori spielend und singend inmitten der Knochen. Er hatte einige Steine aufs Gesicht des Knöchernen gelegt und es mit wilden Hagebutten und Eicheln verziert.

Auch von dem Laub das überall herumlag hatte er einiges zusammengescharrt und dem Knöchernen damit zugedeckt.

Die Mutter näherte sich leise dem Dreijährigen. Sie war eine ruhige tiefgläubige Frau, die so schnell nichts aus der Ruhe bringen konnte und sie liebte ihre Kinder über alles.
Der kleine Mori war ein wilder ungebändigter Junge ; seine Natur war freiheitsliebend und von einer solchen Sanftheit daß die Frau manchmal weinen mußte vor Liebe zu ihrem Sohn.

Sie betrachtete ihn aus der Ferne, nahm dann die Fünfjährige an der Hand und ging ins Haus zurück mit ihr.

Abends besprach sie mit ihrem Mann und dem ganz alten Großvater, was zu tun sei.

Sie kamen überein, daß sie das Skelett, das auf so wundersame Weise zu ihnen gekommen war, dort schlafen lassen wollten, wo es sich niedergelegt hatte.

Anderndtags gingen sie mit dem kleinen Mori zurück zu den Knochen. Mori war ganz aufgeregt und erzählte stets von dem Mann, der dort schläft.
Er freute sich auf den Knochenmann und darauf ihn wieder liebevoll zu schmücken mit allem, was das Leben dem kleinen Weiler und den Bewohnern dort geschenkt hatte.

Der Vater hatte eine Schaufel dabei und die Mutter Blumen. Auch der alte Großvater und Mira kamen mit und sie gruben direkt neben dem Ort, den der Knöcherne sich erwählt hatte, ein Bett für ihn.

Gemeinsam betteten sie ihn hinein und schenkten ihm noch viele von den Hagebuttenjuwelen und Eichelbrillianten. Herbstlaubdiademe zierten die Stirne des Ewig Wiederkehrenden und Blütenblätter von allen Farben umhüllten ihn duftend.

"Mann schläft", sagte der kleine Mori immer wieder und als die Mutter gemeinsam mit dem alten Großvater Erde in das Bett des Ruhenden schaufelte, freute er sich, daß der Mann nun endlich eine richtig warme Decke bekommen durfte.
Schließlich war Winter, wie ihm sein Vater erklärt hatte - der Mann wollte es warm haben.

Spätabends entzündete die Mutter eine Kerze zu Füßen der Mutter Gottes in der kleinen alten Kapelle und betete für das unbekannte Wesen, das sich hier bei ihnen gefunden hatte.

Den ganzen Winter schlief der Mann draußen unter seiner warmen Decke; aufgeregt schaute Mori jeden Morgen nach ihm und brachte ihm seine Gaben.

Im Frühjahr wuch auf dem Bett des Knöchernen ein kleiner Baum ; erst im zweiten oder dritten Jahr sah man, daß dies ein Kirschbaum war und es war wundersam, als im Mai, Juni die weißen Blüten auf den Knöchernen herabregneten und ihn auf seine bleichen Knochen küßten.

Mori und seine Schwester Mira wuchsen heran - und immer solange sie lebten, gedachten sie im Frühjahr des Knöchernen, wenn ihn eine neue Decke aus Blütenblättern hüllte.

Später im Jahreslauf schenkte ihnen der geheimnisvolle Besucher aus der Anderswelt dafür die wundervollsten Früchte - saftige prallrote Kirschen folgten der weißen Blütenpracht jeden Sommer aufs Neue.
Aus Wolkenschleiern sinken Flocken nieder und dennoch schlägt in meinem Garten leise die Nachtigall (Otomo No Yakanochi)

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Re: Skelette

#2
Liebe Lentas,

das ist eine tolle Geschichte, die ich sehr gern gelesen habe. Anfangs musste ich sehr oft schmunzeln und zum Ende hin kamen mir die Tränen. Hab ich bestimmt nicht zum letzten Mal gelesen. :)

Einen lieben Nachtgruß

Letreo
Schreiben macht schön.

Re: Skelette

#3
Liebe Letreo,

vielen lieben Dank.
Das berührt jetzt wiederum mich sehr, wenn die Geschichte Dich so erreichen kann.
Denn das wollte sie :)

Liebe Grüße

Lentas
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Re: Skelette

#5
Danke lieber gummibaum für Dein Vorbeischauen
bei diesem unglaublichen Szenario und Dein "ausgezeichnet" für zwei der Protagonisten.

Diese Geschichte entstand,
als ich mir mal tagelang überlegte,
wie es wäre,
wenn "Der Tod" wieder mehr im Leben dabei wäre...
nicht im Exil,
wohin er aktuell verbannt worden ist.

Da schickte mir meine Muse eines Morgens diese vielen aufgetauchten Skelette - nicht sehr subtil zugegebenermaßen.

Der Schluß mit dem liebenswerten Mori schrieb sich dann von selber hinzu.

lG Lentas
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Re: Skelette

#7
Vielen Dank gummibaum.

Das ist ja wunderschön, wie die Mexikaner den Tod mit ins Leben hineinholen.
Auch am 01. November, also dem Tag, wo "die Schleier zwischen den Welten" sehr dünn sind .
Die Katholiken hier gehen dann ja auch "auf die Gräber" ; aber deren Gedenken ist anders, so empfinde ich. Wobei ich es gar nicht genau sagen kann, weil ich da noch nie dabei gewesen bin.

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Re: Skelette

#8
Mir gefällt die Geschichte auch.

Das kurze Video über Tag der Toten hat mich daran erinnert, dass ich vor einigen Jahren eine sehr guten Dokumentarfilm über Bestattungsriten in unterschiedlichen Kulturkreisen gesehen hatte. Kann sein, dass die Doku auf Phoenix oder arte gesendet wurde. Ich hatte schon einmal vergeblich versucht, den Titel der Doku herauszufinden.

In Deutschland und Österreich gibt/gab es sogenannte Beinhäuser. Schon mal gehört? Ich würde gerne mal in so ein Beinhaus gehen. Siehe Beinhaus Hallstatt. Ausgesprochen schön, finde ich. Und auch inspirierend.

Falls sich jemand an die Doku erinnert: Mich würde nach wie vor sehr der Titel interessieren.

Ich hatte vor zig Jahren mal einen menschlichen Schädel in Händen und fand es faszinierend, dass ich ihn erstens überhaupt nicht bedrohlich fand und er zweitens Respekt zu verlangen schien, und zwar auf eine ganz natürliche Art. Ich meine, ich berühre Gegenstände ohnehin behutsam und genieße es, schöne oder interessante Gegenstände zu berühren, Material, Oberfläche und Temperatur zu spüren. Aber so einen Schädel in Händen zu halten, ist etwas anderes. Er war einmal der Ort, an dem eine Seele gewohnt hat, ein Ort, an dem geliebt und gelitten wurde.

Re: Skelette

#9
Hi Plutino

Danke fürs Gefallen :)

Oh ja, das kann ich mir gut vorstellen, dass es etwas ganz Besonderes ist, einen menschlichen Schädel in Händen zu halten.

Das Beinhaus in Hallstatt kenne ich von Bildern . Es ist schon sehr beeindruckend.
Ich weiß ned genau, ob ich hineingehen würde -- die Energie stelle ich mir sehr intensiv vor.
In Papua Neuguinea haben die Ureinwohner lange Zeit auf oder neben den Schädeln ihrer Ahnen geschlafen. Das war für sie sehr bedeutsam und stellte eine Verbindung zu den Ahnen her.
Als die christl. Missionare kamen, haben sie ihnen diesen Brauch gestohlen .... sie sozusagen ...abgeschnitten von ihrer Kraft.

Die Sendung kenne ich nicht.
Ich habe mal wegen einer Sendung im ZDF angerufen, war eigentlich "kein Ding" an die benötigte Info ranzukommen.

lG Lentas
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Re: Skelette

#10
Lentas hat geschrieben:
21 Mai 2019, 17:44
Ich weiß ned genau, ob ich hineingehen würde -- die Energie stelle ich mir sehr intensiv vor.
Es wäre deine eigene Energie – Energie im übertragenen Sinne. Ich hatte kurz überlegt, ob ich in dem Raum übernachten könnte. Aber ich hätte zu viel Angst davor, dass irgend ein Insekt aus den Knochenstapeln kriechen könnte. Die Knochen selbst machen mir keine Angst, Sie wirken friedlich. Bedrohlich fände ich einen Raum, aus dem ein dunkler Gang führt, dessen Ende nicht ersichtlich ist. Oder irgend welche Winkel, in denen sich etwas verstecken könnte.

Für den kleinen Mori ist die Anwesenheit des Skelettes völlig normal. Es ist Teil des Lebens. Er scheint sich zwar nicht mit seiner eigenen Sterblichkeit zu beschäftigen, erkennt aber sofort, dass es sich um etwas Menschliches handelt. So, wie seine Eltern mit ihm umgehen, wird der Tod auch nicht zu etwas werden, dass nicht zum Leben gehört. Und das ist auch ein Grund für die Schönheit der Geschichte. Die halbe Welt wundert sich über etwas, das im Grunde normal ist. Nicht die Skelette sind nicht normal. Auch die Plötzlichkeit, mit der der Tod eintreten kann, ist normal. Man könnte sagen, dass die einzigen Menschen, die die Normalität der Situation erkennen, Mori und seine Familie sind.

Noch ein paar Sätze zu dem Hallstatter Beinhaus: Dicht an dicht aneinander gereiht und aufeinander gestapelt wirken die Knochen wie eine Struktur, also eine, die über die einzelnen Knochen hinausgeht. Die Formen wiederholen sich, aber nie auf dieselbe Weise. Die Schädel im Hallstatter Beinhaus sind bemalt – mit Blumen, Efeu, Eichenlaub. Sie tragen außerdem Namen und die Lebenseckdaten. Interessanterweise sind diese Malereien und die Typografie überwiegend wenig kunstvoll bzw. handwerklich ungelenk ausgeführt. Mir ist außerdem aufgefallen, dass an der einen Wand des Raums über den Schädeln ein Spiegel hängt, in dem die Besucher sich und die Schädel sehen können. (Mich stört der Spiegel ein wenig.) Ich glaube, ich säße gerne eine Weile allein in diesem Raum. Und ich würd den Pfarrer Löcher in den Bauch fragen.
Zuletzt geändert von Plutino am 21 Mai 2019, 20:35, insgesamt 1-mal geändert.

Re: Skelette

#11
Hi Plutino nochmals

Danke für Deine Interpretation meiner Geschichte. Genauso war sie gemeint.
Für mich ist der Tod auch ein Teil vom Leben. Ich habe keine Angst vor dem Tod.
Ja, Mori nimmt den Tod ganz normal und das tun sicherlich alle Kinder, bevor die Erwachsenen sie mit ihrer Hysterie impfen. Ich war mal dabei, als Kinder auf einer Geburtstagsfeier ein schönes und tiefes Gespräch über den Tod begonnen haben. Meine Kollegin hat ihnen dieses untersagt ...

@In das Beinhaus nicht hineingehen wegen der Intensität der Energie:

Nicht die Angst wäre das ... wie Du vermutlich meinst, sondern ich bin mir sicher, dass derartig viele Knochen, eine bestimmte Energie aussenden.

Ich kenne aus verschiedenen Situationen von mir,
dass ich Energien intensiv wahrnehme.
ZB. waren wir mal in einem Dunkelcafe in Nürnberg, das von Blinden bewirtschaftet wird. Das ist in einem ehemaligen Luftschutzbunker untergebracht. Ich bin in den dunklen Teil nicht gegangen, da ich mir sicher war, die Angst der Menschen aus dem Krieg "wahrzunehmen". Ein Mann, der darinnen arbeitet, hat mir bestätigt, dass dies für feinfühlige Menschen zu spüren sei.
Auch habe ich mehrmals Höhlen nicht betreten können, da die "Dichte" der Energie mir zu viel ist.
Bei mir id Nähe gibt es einen riesigen Bergkristall ...er ist 2 auf 3 Meter groß etwa. Als ich diesen besichtigte, musste ich den Raum verlassen, weil es mich derartig durchschüttelte.

Die Gründe für das Beinhaus habe ich schon gelesen gehabt auf der von Dir verlinkten Seite. Dort gibt es wohl auch einen virtuellen Rundgang... mittels adobe reader begehbar (ich habe den nicht installiert). Die Malereien sind sehr schön , so ungelenk sie sein mögen. Eine ganz eigene Kunstform, so finde ich.

Da es Dich dort so stark hinzieht, würde ich mir an Deiner Stelle den Wunsch erfüllen - hört sich so an, als solltest Du dort mal vorbeischauen.
Was Wunder auch, wenn einer den Nicknamen "Plutino" hat :)

Im Beinhaus übernachten , ist sicherlich eine besonders "tiefreichende" Erfahrung -- immerhin säßest Du ja mit den tragenden Säulen von 600 Seelen zusammen . Wäre schon interessant, was das mit einem macht.
Gibt es denn die Möglichkeit,dort zu schlafen ?

lG Lentas
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Re: Skelette

#13
Lentas hat geschrieben:
21 Mai 2019, 20:32
Was Wunder auch, wenn einer den Nicknamen "Plutino" hat :)

Ein Plutino ist ein Kuipergürtelobjekt, u. z. eines … Ach, siehe hier. Ich hatte mich, kurz bevor ich den Usernamen wählte, ein wenig mit diesen Objekten befasst. Genauer gesagt: Ich wollte wissen, wie viele Plutoiden eigentlich bekannt und wie weit sie von der Sonne entfernt sind. Schließlich war Pluto mal ein Planet, bevor er degradiert wurde. Aber der Name selbst ist natürlich abgeleitet von dem griechisch-römischen Gott der Totenwelt.

Schau mal, was ich grade beim Googeln fand:

Danke!

Gibt es denn die Möglichkeit,dort zu schlafen ?

Ganz bestimmt nicht. Da wette ich meinen … Ne, ich wette ja nicht. Aber so ein Beinhaus ist ja kein Gebäude, in dem Freizeitevents stattfinden. Ich glaube, es ist in Deutschland und Österreich nicht gerne gesehen, wenn Leute auf Friedhöfen übernachten. In einem Beinhaus um der Erfahrung willen zu übernachten, könnte schon als Störung der Totenruhe gewertet werden. Nicht unbedingt von mir, aber von anderen Menschen.

Re: Skelette

#14
Lentas hat geschrieben:
21 Mai 2019, 20:32
Die Gründe für das Beinhaus habe ich schon gelesen gehabt auf der von Dir verlinkten Seite. Dort gibt es wohl auch einen virtuellen Rundgang... mittels adobe reader begehbar (ich habe den nicht installiert).

Danke auch dafür. Hatte ich überlesen. Flash ist dafür erforderlich. Habe ich aus Sicherheitsgründen nicht mehr installiert. Bis jetzt hatte ich es auch nicht vermisst. Ich werde Flash tatsächlich gleich noch einmal installieren und mich auf den Rundgang durch das Beinhaus begeben.

Edit: Man kann nicht sehr tief ins Bild hineinzoomen. D. h einzelne Schädel genauer zu betrachten, ist nicht möglich. Aber wenn man einen Eindruck, von dem Raum gewinnen will, ist der Rundgang okay. Fotos von jeder Wand würden aber keinen unklareren Eindruck vermitteln. Die könnten dann hochauflösender sein.

Re: Skelette

#15
Danke für Dein Erzählen vom Hallstatt-Rundgang.
Ich glaube, ich belasse es beim uninstallierten Flash-Player, wenn der auch noch zusätzlich, wie Du schreibst, die Sicherheit anpiekst.

lG Lentas
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